Abstract:
Dostojewskis Schuld und Sühne erschien im Jahr 1866. Raskolnikov, der Protagonist seines Romans, ist gewesener Jura-Student, der aufgrund seiner knappen finanziellen Mittel gezwungen ist das Studium zu unterbrechen und fortan am Existenzminimum in einem sargähnlichen Zimmer zu wohnen. Überzeugt vom eigenen Genie, seiner Idee des „erlaubten Mords“ und der Einteilung der Menschen in zwei Klassen, entschliesst er sich einen Mord zu begehen für ein grösseres, allgemeineres Gut. Dazu mordet er eine alte, reiche Pfandleiherin, die wucherisch und grausam ist, und für die niemand Sympathie übrig hat, mit einer Axt. Dies tut er unter dem Vorwand, mit dem gestohlenen Geld wieder seine Studien aufnehmen zu können und seine Familie finanziell zu unterstützen. Unglücklicherweise ist er, durch das unerwartetes Auftreten der unschuldigen Schwester der Pfandhändlerin, Lisaweta, gezwungen auch diese zu ermorden. Raskolnikov flüchtet unbemerkt vom Tatort und versteckt das gestohlene Geld und die Wertsachen, ohne jemals wieder danach zu sehen, unter einem Stein in einem Gemüsehof. Fortan kommen seine Schwester und Mutter in die Stadt. Um der Familie finanziell zu helfen, beabsichtigt die Schwester einen vornehmen Mann mit beträchtlichem Vermögen zu heiraten. Dazu ist sowohl dieser Mann, wie auch seine Schwester, bemüht, Raskolnikov von seinem Wohlwollen für die Familie zu überzeugen. Raskolnikov durchschaut hingegen seine Absichten, so dass dessen vorgetäuschte morale Reinheit aufgedeckt wird. Der Mord lässt Raskolnikov nicht in Ruhe, er wird krank und von Gewissenskonflikten heimgesucht. Dabei gehen seine wirren Gedankenzüge soweit, dass er sich selbst mit seiner streng religiösen Mutter verwirft. Ein Ermittlungskomissar der Polizei, Pofiri mit Namen, kommt ihm schliesslich, durch reine psychologische Folgerungen, und trotz der fehlenden Beweislast, auf die Schliche. Die beiden liefern sich fortan ein psychologisches Duell, wobei Pofiri Raskolnikov nahelegt ein Schuldgeständnis abzugeben. Obwohl Raskolnikov, durch das sonderbare Auftreten von Swidrigailow, einem reichen und mit ihm sympathisierenden Gutsbesitzer, die Möglichkeit bekommt zu fliehen, entschliesst er sich schlussendlich, auch durch die Bitte seiner Geliebten Sofia, sich zu ergeben. Im Epilog befindet sich Raskolnikov in einem Gefängnis in Sibirien. Seine über die Tat scheinbar unwissende Mutter erkrankt psychisch und stirbt schliesslich. Die Schwester heiratet seinen treuen Freund Rasumichin und auch Raskolnikov macht seiner Liebe, Sofia, schliesslich einen Antrag und sieht in weiter Ferne die Freiheit.
Menschen zweier Klassen und Utilitarismus:
Unter welchen Ideologie konnte Raskolnikov den Schluss folgern, dass ein solcher Mord erlaubt wäre? Raskolnikov beschreibt in einem Aufsatz seine These, dass Menschen in zwei Klassen eingeteilt werden können: Die allermeisten Menschen gehören der ersten Klasse an, der Klasse von Menschen die wie Läuse sind, sie leben einfach vor sich hin, haben Achtung vor dem Gesetz und sind weiter nichts besonderes. Die zweite Klasse von Menschen, von denen wohl nur einer in einer Million oder mehr vorkommen mag, haben das moralische Recht (und vielleicht auch die Pflicht) über die erste Klasse hinwegzugehen; Regeln zu brechen, für einen grösseren Zweck. Napoleon, Lykurg oder Alexander der Grosse waren solche Menschen. Solche (auserwählte) Menschen machten sich keine Gedanken über ihre Taten, sondern hatten lediglich ihr grösseres Ziel im Kopf. Kaum jemand betrachtet solche Menschen als lasterhaft oder negativ. Sie alle brachen Gesetze, mordeten, herrschten über Läuse (Mitmenschen) und erreichten dadurch oft revolutionäre Zustände, die im Nachhinein Allgemein als besser eingestuft wurden. Die Ideologie von Raskonlnikov fundiert auf der, damals (1860) aufkommenden, Idee des Utilitarismus von Jeremy Bentham. Dieses moralische Prinzip entstammt dem Rationalismus und besagt, dass eine Handlung dann richtig bzw. gut ist, wenn ihr positiver Nutzen (utilitas) grösser ist als der negative Effekt der sie mit sich bringt. Streng utilitaristisch gesehen wäre somit Raskolnikovs Mord an der Pfandhändlerin keine schlechte Sache gewesen, da der Nutzen (für die Gesellschaft) grösser war als der Schaden.
Fazit:
Raskolnikov wollte durch seinen Mord herausfinden ob er eine Laus oder ein Mensch ist. Seinem Gewissenskonflikt lässt sich folgern, sofern man seiner Theorie überhaupt Glauben schenkt, dass er (auch) zu einem Mensch der ersten Klasse, einer Laus, angehört.
Auch heute noch bedienen sich viele Menschen (wohl unbewusst) einem solchen ähnlichen utilitaristischen Prinzip. Geradewegs Klimaaktivisten, die sich am Boden ankleben und dabei u.a. Krankenwagen den Weg versperren, pochen dabei für einen grösseren Zweck; mit ihren Handlungen retten sie mehr Menschen, als sie schaden. Wer die Welt verändern will, muss über Leichen gehen und sich einem solchen utilitaristischen Prinzip unterwerfen. Inwiefern dieses rationale Prinzip jedoch kontraintuitiv ist, wird in Dostojewskis Roman eindrücklich zur Schau gestellt.

