In letzter Zeit stelle ich mir öfters die Frage, was ich nach meinem Studium machen soll. Ich bin nun im 4. Semester meines Philosophiestudiums und kann sagen, dass sich rückblickend meine Antwort auf diese Frage jedes Jahr verändert hat. Letztes Jahr konnte ich mir noch vorstellen den Widereinstieg in die Privatwirtschaft zu vollziehen, beispielsweise in einer Vermögensverwaltung oder sonstige ähnliche Institute die mit Anleihen handeln. Nun, ein Jahr später, hat sich diese Vorstellung aus meinem Kopf gelöst und ich kann darauf nur noch mit einem frohen Lachen (im Sinne von „zum Glück habe ich diese Idee aus dem Kopf gestossen“) zurückblicken. An die Stelle ist ein neuer Wunsch entstanden, derjenige eines schreibenden Berufs, vielleicht in Richtung des Journalismus; auch dieser Blog entspringt dem Gedanken dieses Wunsches. Nichts desto trotz werden sich meine Berufsvorstellungen weiter ändern, möglicherweise werde ich in einem Jahr erneut lächelnd auf die aktuelle Berufsvorstellung zurückblicken. Deshalb habe ich mir die, meines Erachtens, viel wichtigere Frage gestellt und möchte diese nun in den Vordergrund rücken: Was möchte ich von meinem Studium mitnehmen? Mit welchen „Skills“ möchte ich aus dem Studium gehen? Ich erhoffe mir von der Antwort auf diese Frage einen klareren Studienfortgang, indem ich meinen Fokus auf bestimmte Dinge setzen kann und gleichzeitig diese motiviert, mit Blick auf ein Ziel, angehen kann. Schliesslich kann ich mir gut und gerne vorstellen, dass die Antwort auf die Frage auch zu einer genaueren Vorstellung eines Wunschberufs führen kann. Nach der Festlegung über was ich aus meinem Studium mitnehmen möchte, werde ich mich damit auseinandersetzen, wie ich das erreichen kann.
Verschiedene Optionen möchte ich deshalb in Betracht ziehen und sie hiermit abhandeln. Starten wir mit Position 1)
1. Ein umfassendes Wissen über die Philosophie
Ein umfassendes Wissen über den Themenbereich des Studiums scheint mir der primäre Nutzen zu sein, den die meisten Studierenden mit sich nehmen. Allen voran in Studiengängen wie Recht, Medizin oder Wirtschaft wird eine Unmenge von Wissen angeeignet; über Gesetze und deren Verfügungen, Anatomie und Funktionsweisen von Unternehmen. Derart von Wissen kommt meiner Ansicht nach vor allem durch Auswendiglernen zu Stande und wird durch spätere Abrufung präsent gehalten. Das umfangende Wissen solcher Studiengänge ist, zumindest noch heute (wobei KI wie ChatGPT dem ein Ende bereiten könnte, aber warten wir mal ab), notwendig, damit man die Jobs die daraus entspringen ausüben kann. Nun ist es aber all weit bekannt, dass die Philosophie die Studierenden nicht auf einen bestimmten Job vorbereitet, in dem man das erlangte Wissen abrufen und widergeben muss (solange man nicht Dozent werden möchte). Welchen Nutzen kann also ein umfassendes Wissen über die Philosophie überhaupt haben? Macht es Sinn, das Studium vor allem für die Erlangung eines umfassenden Wissens über Philosophie aufzuopfern? Bertrand Russell sprach in seinem Buch „Lob des Müßiggangs“ vom Unterschied zwischen nützen und unnützen Wissen. Wobei dem nützen Wissen vor allem einen monetären Nutzen konnotiert wird, e.g. das Wissen über Gesetze, Anatomie usw. bringt einen Job, der wiederum Geld bringt, kommt dem unnützen Wissen ein Nutzen zu, der schwerer festzumachen ist: Salopp gesagt führt es zu einer „Bewusstwerdung“ der Wunder der Welt. Unnützes Wissen ist solches wie die Etymologie des Wortes Eisbergsalat zu kennen. Es bringt keinen monetären Nutzen, aber es ist interessant zu wissen, und der Eisbergsalat schmeckt ein wenig besser, wenn man sich dessen Geschichte bewusst wird. So steht es um viel Wissen der Philosophie: Der direkte Nutzen ist oft nur schwer erkennbar, im seelischen Inneren jedoch unbestreitbar immens und gut. Nun kann sich aber kein Mensch von unnützem Wissen ernähren, sondern muss es entweder zu nützen Wissen machen (wie es ein Philosophie-Dozent tut), oder aber sich anderes nützen Wissen aneignen. Da ich über ersteres nicht die Absicht habe, muss ich mich mit dem zweiten begnügen. Zumal es reichlich schwer ist in einem Bachelor-Studium ein umfassendes Wissen der Philosophie zu erhalten: Die Menge, die sich über mehr als 2000 Jahre angesammelt hat, ist schlicht und einfach zu viel um zu bewältigen. Was also meines Erachtens mehr Sinn macht, ist nicht den Fokus auf möglichst Wissen zu setzen, sondern eher die Fähigkeit, die es einem erlaubt ein solches Wissen anzueignen, in den Vordergrund zu stellen. Ich sollte mich also nicht daran verlieren, was nun Platon unter Gerechtigkeit und Thomas von Aquin unter Potenz und Essenz verstanden haben, sondern eher der Frage nachgehen, wie man solche Fragen und Auffassungen angeht.
2. Die Fähigkeit, sich ein umfassendes Wissen über die Philosophie anzueignen.
Die Fähigkeit, sich ein umfassendes Wissen über Philosophie anzueignen scheint dementsprechend ein besseres Vorhaben zu sein. Woraus besteht also eine solche Fähigkeit? Nun ich denke sie besteht vor allem darin, sich mit den Methoden der Philosophie auszukennen. Da ist zum einen die Logik, die hilft Argumente analytisch zu prüfen, zum anderen das Schreiben von Essays, die hilft, Gedanken zu sortieren und kritisch zu prüfen.
Solche Fähigkeiten führen den ersten Anschein nach wieder zu (1), i.e. tendenziell eher unnützem Wissen. Die Kernfrage scheint also zu sein, wie man durch die Methoden der Philosophie zu nützem Wissen kommt oder, wie man diese Methoden monetarisieren kann.
Ein Job, den man mit einem solchen Skill, i.e. das Aneignen von Philosophie, lesend und schreibend, besetzen kann ist wohl entweder einer im Journalismus oder als (Video)-Blogger (Heute vielleicht am besten auf Youtube). Ein solcher Job würde ich zwar momentan auf jeden Fall gerne machen, doch denke ich, dass dies ein schwer zu erreichendes, aber durchaus erreichendes, Ziel ist. Nur eine Handvoll Journalisten in der Schweiz schafft es wohl über philosophische Themen zu schreiben, die sie zum einen interessiert und zum anderen eine Leserschaft finden, die gross genug ist, dass sie sich monetarisieren lässt und dadurch einen gerechten Lohn generiert. Vor dem Hintergrund, dass sich eine solche Berufswunschvorstellung wieder ändern könnte (vgl. oben), denke ich, dass ich mein Ziel noch einmal verfeinern muss:
4. Die Fähigkeit, sich mit einem beliebigen Thema, durch die Methoden der Philosophie, kritisch auseinanderzusetzen.
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5. Principles/ Prinzipien:
Vor allem möchte ich aus dem Studium Prinzipien entwickeln und mitnehmen: Prinzipien des Denkens, Lernens; Prinzipien des Lebens. Wie Situationen angegangen werden sollten, wie man mit Menschen umgeht, wie man das Leben betrachtet, was man von fremden, älteren, jungen Menschen lernen kann und vieles weiteres. Prinzipien, die mich ein Leben lang begleiten sollen und die das Fundament meines Lebens bilden sollten. Eine Art Prinzip, die ich bereits jetzt aus dem Philosophiestudium mitnehme, und hoffentlich nie vergesse, drückt folgender Gedanke aus: Ich kann als Busfahrer mit Existenzlohn ein zufriedeneres Leben führen als jeder Unternehmer/ Manager mit Millionenlohn- oder Vermögen.
Das Dilemma Philosophie und Job oder „Was machsch nach de Philosophie?“
Das Philosophie Studium bringt extrem viel, allen voran für die Seele. Jeder Philosophie-Student wird bestätigen, dass das Studium eine kaum überbietbare Zeit ist, in der man seinen Interessen nachgehen kann und sich – meist – ohne andere Verpflichtungen voll und ganz der Philosophie widmen kann. Ich bin überzeugt, dass viele Philosophie-Studenten viel länger als 3-6 Jahre studieren möchten, womöglich am liebsten ein Leben lang; aber zumindest wird niemand, der ein Philosophie Studium abgeschlossen hat, sich nicht noch in irgendeiner Weise ein Leben lang mit der Philosophie beschäftigen. Die Philosophie ist eine üble Krankheit: Einmal angesteckt, lässt sie einen das Leben lang nicht los. Das ist etwas schönes, führt aber unwiderruflich in ein Dilemma. Denn die Jobaussichten, um ein Leben lang nur Philosophie zu betreiben sind klein. Sofern man nicht den Willen, das Talent und die Ausdauer hat Professor zu werden, sind sie sogar vernichtend klein. Es ist also dringend erforderlich, sich zum einen damit abzufinden, dass Vollzeit-Philosophieren (höchstwahrscheinlich) keinen Job mit sich bringen wird, und zum anderen, dass man dafür Abstriche machen muss und gleichzeitig andere Dinge erlernen muss.
Das Credo „Ich kann als Busfahrer mit Existenzlohn ein zufriedeneres Leben führen als jeder Manager mit Millionenlohn“ bleibt bestehen und das ist der Triumph, das Ass des Philosophie-Studium. Doch wie ich heute in dem Event „Was machsch nach de Philo?“ gesehen habe, gestaltet sich die Jobsuche schwierig. Vor allem was Sicherheit angeht, i.e. wie sicher der Job, den man als Philosoph innehat ist, scheint immer schwer abzuschätzen. Allen voran wurde immer wieder erwähnt, wie schwierig und unsicher eine akademische Laufbahn ist. Anderseits, wenn man keine solche einschlägt, müssen gewisse Interessen notwendig in der Hintergrund rücken; dafür rücken aber neue wieder nach. Allen in allem machte das Ganze beinahe den Eindruck, als ob man sich im Studium doch nicht zu sehr in die Philosophie verlieben darf, denn der „Break-Up“ wird kommen; und wie in jeder Beziehung ist er je schwerer, je mehr man involviert und verliebt war.
18.04.2024:
So habe ich gestern zum zweiten Mal den Event „Was machsch nach de Philo?“ besucht. Nachdem im ersten Event vornehmlich philosophische Akademiker am Event teilnahmen, gab es diesesmal auch Teilnehmer von anderen Berufsfeldern. So nahmen drei Personen teil, die jeweils einen Job als Pflegeleiter, als Startup-Gründer und freier Werbetexter hatten. Mir blieb vor allem, was sie über den Nutzen des Philosophiestudium für ihren späteren Werdegang predigten. Folgende Kompetenzen (man könnte sie wohl (Job)tugenden nennen) – die sie durch das Philosophiestudium erwarben – halfen ihnen in ihrem Job:
- Denken
- Lesen: So wurde oft erwähnt, dass derjenige der Kant oder Hegel gelesen hatte, danach fast alle andere Bücher versteht und von diesen schnell die Essenz herauszufinden. Das Leseverständnis ist ist nicht selbstverständlich, sondern eine Fähigkeit, die trainiert werden muss. Durch diese Fähigkeit kann man sich sehr schnell wiederum neues Wissen und neue Fähigkeiten aneignen. Wichtig ist, dass man offen bleibt, dass man sich nicht sagt „das liegt mir nicht“ oder „das kann ich nicht“, sondern dass man die Einstellung mitbringt, dass man alles kann, wenn man nur will und bereit ist, zu lernen.
- Schreiben: Diese Fähigkeit ist teils eng mit dem Denken verbunden. Sie hilft, Komplexität zu vereinfachen, d.h. kurz und verständlich darzustellen – eine Fähigkeit, die in der Geschäftswelt und der Kommunikation sehr gefragt ist (z.B. als Werbetexter).
- Die Fähigkeit, sich in andere Begriffswelten (und andere Köpfe) hineinzuverstetzen, andere Perspektiven einzunehmen. Philosophiestudenten bringen die Fähigkeit mit, Dinge nüchtern zu betrachten und nicht zu sehr in den eigenen Bias zu fallen: Schnell kann es in der Geschäftswelt (v.a. in der Startup Welt) vorkommen, dass man von der eigenen „genialen“ Idee besessen ist, soweit, dass es einem nur noch schwer fällt, andere Ansichten (z.B. diejenigen des Kunden) einzunehmen und Dinge im grossen zu hinterfragen.
- Falsifizieren (in der Geschäftswelt sehr gefragt): Das heisst, eine Hypothese zu widerlegen, indem auf etwas widersprüchliches bzw. unvereinbares hingewiesen wird, durch gründliches Nachdenken.
- Probleme erkennen, hinterfragen, wo genau das Problem liegt, offen sein
Hier das Interview mit Andrea Anderheggen, dem ehemaligen Philosophiestudenten und jetztigen Startup-Gründer:
