Haben Klimaaktivisten das Recht (oder die Pflicht), Moralapostel zu spielen und andere Mitmenschen vorzuschreiben wie sie zu leben haben? Wie reagieren Menschen auf solche Vorschriften zum Leben?
Grundsätzlich treffen zwei Welten mit zwei Werten aufeinander: Die vermeintlichen Moralapostel pochen auf die Wichtigkeit die Klimakrise zu bewältigen; dies wiederum kann getan werden, indem sie einzelne Individuen auffordern, ein nachhaltigeres Leben zu führen.
Die letzteren fühlen sich oft angegriffen auf die Forderungen der „Moralapostel“, da ihnen vermeintlich vorgeworfen wird, ein (moralisch) schlechtes Leben zu führen: Eine natürliche Reaktion, niemand will sich von einem anderen sagen lassen, wie er sein Leben zu führen hat; Die Freiheit, i.e. die freie Entscheidung, wie jeder sein Leben zu führen hat steht für sie an oberster, oder zumindest an einer höherer Stellung.
Wann kann jemand das Recht haben, jemand anderem vorzuschreiben wie er sein Leben zu leben hat? Die Klimaaktivisten verfolgen in dieser Frage einen objektiven Ansatz, i.e. sie denken es ist objektiv gesehen besser, ein nachhaltiges Leben zu führen. Betrachten wir doch Argumente der Gegner einer solchen Vertretung (Flavio Leu Video)
1. Clean your room before you criticize the world
Sofern die Klimaaktivisten nicht in einer Baumhütte leben und absolut keine Emmissionen mehr verursachen, predigen sie das eine und leben das andere; das scheint die Devise zu sein. Das ist das klassische Schwarz-Weiss Denken von Menschen. Entweder man ist voll und ganz hinter etwas, oder gar nicht. Fakt ist: Diejenigen Aktivisten, die ein klimaneutrales leben predigen, verzichten in den meisten Fällen auf sehr vieles: Fleisch, Auto, Flüge usw. Dass es ihnen dann an den Pranger gestellt wird, dass sie dann einmal Auto fahren, fliegen oder Fleisch essen, kann kaum ein Argument sein wieso sie (absolut) scheinheilig leben.
2. Die Lebenssituation von bestimmten Menschen verunmöglicht es, klimaneutral zu leben:
Sicher gibt es Menschen, für die es erforderlich ist, ein Auto zu besitzen oder sogar Fleisch zu essen für ihre Gesundheit (obwohl auch dies bestreitbar ist). Dies ist eine Frage der Abschätzung: Sofern es dringend erforderlich ist, i.e. man könnte nicht mehr sein normales Leben weiterführen, ist es sicherlich berechtigt so weiterzuleben und kein Klimaaktivist würde ihnen etwas vorwerfen. Was soll es aber heissen, dass etwas „dringend erforderlich“ ist? Fakt ist, dass die meisten Menschen wohl nur einen geringen Aufwand auf sich nehmen müssten, um zumindest ein bisschen klimaneutraler zu leben: 1x in der Woche Fleisch essen, statt 5x. Nur 1x im Jahr fliegen und lieber den Zug für Reisen nehmen. Es ist die Frage nach den Werten, auf die alles zurückkommt: Was ist mir wichtiger, ein moralisches, klimaneutrales Leben zu führen, oder die völlige Freiheit darüber zu entscheiden was ich tue?
3. Recht auf Leben (Freiheitsargument):
Die Gegner der Klimaaktivisten argumentieren oft, dass doch jeder so leben soll wie er will, und niemand ihnen vorschreiben zu habe, wie ein gutes moralisches Leben aussieht. Wie kommen Klimaaktivisten überhaupt darauf, dass es notwendig ist klimaneutral zu leben? Das Ganze hat mit Bewusstsein zu tun, i.e. sie sind sich in erster Linie viel bewusster wie der Durchschnittsmensch, welche Folgen das Klima hat und was dagegen gemacht werden muss. Dasselbe ist mit dem Fleischkonsum: Kaum jemand war schon einmal in einer Massenzuchthaltung wo Tiere, die Gefühle verspühren wie wir, in Gefängnissen ohne Raum leben und danach geschlachtet werden. Das moralische Bedürfnis, kein Fleisch zu essen, entsteht erst dann, wenn man sich bewusst ist, wie schlimm und moralisch verwerflich der Fleischkonsum wirklich ist. Die meisten Menschen leben in einer gewissen Ignoranz; sie haben kaum eine Ahnung wie schlimm Fleisch essen wirklich ist, schliesslich sehen sie nur die verpackte Packung Fleisch im Laden und nicht wie das Tier geschlachtet wird. Moralische Bedürfnisse/ Gebote entstehen also erst durch vollumfängliches Wissen über Handlungen und deren Konsequenzen.
Klimaaktivisten sind vielleicht privilegierte Studenten, denn schließlich kann man sich über solche Probleme erst überhaupt Gedanken machen, wenn man den Luxus besitzt, nicht direkt im Existenzminimum zu leben. Was sie aber sicher nicht sind ist selbstverliebt. Klimaaktivisten predigen ein klimaneutrales Leben nicht, weil sie sich von der „schlechten“ Masse abheben wollen, weil sie scheinbar ein so viel besseres Leben führen als alle anderen, weil sie so besser über sich selbst denken können. Nein, Klimaaktivisten setzen sich in erster Linie für das Klima ein, weil sie es sind, die sich mit den Konsequenzen ihrer Handlungen umfangreich auseinandergesetzt haben. Sie haben die Ignoranz besiegt und ein Bewusstsein entwickelt, dass ihnen aufzeigte, dass ihre Handlungen erhebliche Konsequenzen für das Klima hat (was wiederum schlecht ist). Dadurch entstand ihr moralisches Bedürfnis (& vielleicht auch die Pflicht; aber wann wird eine moralische Handlung zur Pflicht), ein klimaneutrales Leben zu führen und ein solches zu predigen.
Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen kein, oder zumindest weniger Fleisch essen würden, wenn sie sehen würden, wie Tiere in Massentierhaltungen beinahe gefoltert und geschlachtet werden. Gleich steht es mit dem Klima. Jeder, der sich bewusst wird, welche erheblich schlechten Konsequenzen seine Handlungen für das Klima (& somit für die Welt, die Menschheit, seine Nachfahren etc.) haben, wird sich um ein klimaneutrales Leben bemühen. Den Luxus, sich weitumfassend über dies zu informieren und ein solches moralisches Bedürfnis entstehen zu lassen, bleibt heute den privilegierten Schichten vorbehalten. Zu diesen gehören aber sicher die meisten Schweizer. Was die Klimaaktivisten nicht vorwerfen können ist, ein schlechtes Leben zu führen. Was sie ihnen vorwerfen können, ist, ignorant zu sein. Ihre Pflicht und Predigt sollte sich darauf beschränken, Leute aufzuzeigen welche Konsequenzen ihre Handlungen haben, denn dadurch wird ihnen selber klar werden was sie zu tun haben.
Gegen das Argument „keiner soll jemandem vorschreiben wie er zu leben habe“, lässt sich folgender Vergleich einwenden: Sklaverei war für den grossen Teil der Menschheitsgeschichte weitgehend akzeptiert. Selbst kluge Köpfe wie Platon, Aristoteles und auch in den Augen der Bibel war Sklaverei nicht verwerflich. Stellen wir uns vor, jemand kam damals auf die Idee „Hey, vielleicht ist jeder Mensch von Natur aus gleich und es ist dementsprechend schlecht, Menschen systematisch auszunützen und zu versklaven.“ Was wenn Sklavenhalter dazu geantwortet hätten: „Na ja, schön und gut, aber du hast mir nicht vorzuschreiben wie ich leben soll.“ Sicherlich wird jeder heutzutage akzeptieren, dass es besser gewesen wäre, wenn die Sklavenhalter zugehört und ihre Meinung geändert hätten. Der springende Punkt: Es gibt gewisse moralische Lebensformen die klar gut oder schlecht sind. Wenn wir auf jeden Einwand gegen unsere Lebensart sagen „du hast mir nichts vorzuschreiben“, dann werden wir uns moralisch nie verbessern. Dieses Argument hat also keinen Wert. Klimagegner können und müssen argumentieren, wieso es nicht moralisch verwerflich ist, nicht klimaneutral zu leben. Denn wenn ein klimaträchtiges Leben tatsächlich etwas moralisch schlechtes ist (wie es die Sklaverei ist), dann haben die Klimaaktivisten jeden Grund, ihre Mitmenschen aufzufordern, ihr Leben zu ändern.
