Abstract:
Kurz vor seinem Tod schreibt Rousseau mit 64 Jahren sein letztes Werk, dass postum veröffentlicht wird: Die Träumereien eines einsamen Spaziergängers. In zehn „Spaziergängen“ schreibt Rousseau in der Form einer Art Selbstgespräch über die Vorzüge der Einsamkeit, das Lügen, die Wahrheit, die Botanik, den Umgang mit dem Tod, Müssiggang, Gelassenheit und über seine glücklichsten Zeiten in der Schweiz. Die Träumereien dienen nicht als Ergänzung, sondern als Vertiefung seiner Konfessionen.
NZZ Artikel: https://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/rousseau__der_blick_nach_innen-ld.668276
Zitate:
„So bin ich denn nun allein auf Erden, ohne Bruder, ohne Nächsten, ohne Freund, meiner eigenen Gesellschaft überlassen.“ (S.7)
„Geben wir uns also ganz der Freude hin, mit unserer Seele zu plaudern: sie ist das Einzige, was die Menschen uns nicht rauben können.“ (S.14)
„In der Jugend sollte man Weisheit lernen; im Alter sollte man weise handeln.“ (S.34)
„Wer einsam vor sich hindenkt, die Natur studiert und das Universum betrachtet, kann gar nicht anders: er lenkt seinen Geist empor zum Schöpfer aller Dinge und fragt nach dem Wozu all dessen, was er sieht, und nach dem Warum all dessen, was er fühlt.“ (S.38)
„Geduld, Sanftmut, Gottergebung, Rechtschaffenheit und unparteiische Gerechtigkeit sind dagegen Besitztümer, die wir mit uns führen, die uns ständig neu bereichern und bei denen wir keineswegs fürchten müssen, sie zählten irgendwann nicht mehr, denn nicht einmal der Tod vermag sie ihres Wertes für uns zu berauben.“ (S.54)
„Wohl mir, wenn meine Lernfortschritte in eigener Sache mich so weit bringen, dass die Welt zwar nicht besser – das wäre auch unmöglich -, aber doch tugendhafter verlasse, als ich sie betrat.“ (S.55)
„Daher sind uns hienieden nur vergängliche Freuden beschieden; dauerhaftes Glück jedoch hat, so glaube ich, noch nie ein Mensch kennengelernt.“ (S.92)
„Ich weiss und ich fühle, dass Gutes zu tun wirklich das grösste Glück ist, das ein Menschenherz empfinden kann. Mir aber wurde dieses Glück längst unerreichbar gemacht, und bei meinem traurigen Los darf ich schwerlich die Erwartung hegen, ich könnte acuh nur ein einziges wahrhaft gutes Werk verrichten: eines, das jemandem, der es wahrhaft wert wäre, echten Nutzen brächte.“ (S.99)
„Ich fand heraus, dass ich eine Wohltat nur dann frohen Herzens erweisen konnte, wenn ich sie freiwillig und ohne Zwang tat.“ (S.102)
„Dass man sie von mir verlangt, lässt mich die guten Werke widerwillig tun, die ich aus freien Stücken tat, als man sie noch nicht von mir verlangte.“ (S.104)
„Ich liebe mich selber einfach zu sehr, als dass ich irgendwen hassen könnte.“ (S.109)
Über die Botanik: „Wenn die Dinge indes doch nicht auf alle Menschen die gleiche Wirkung haben, so liegt es bei einigen daran, dass sie nicht genügend natürliche Empfindsamkeit besitzen, bei den meisten aber daran, dass ihr Geist zu sehr mit anderen Dingen befasst ist und sie sich nur unbewusst Dingen widmen, die ihre Sinne berühren.“ (S.120)
Goethe über die Träumereien von Rousseau:
„Wer wollte nicht dem im höchsten Sinne verehrten Johann Jakob Rousseau auf seinen einsamen Wanderungen folgen, wo er, mit dem Menschengeschlecht verfeindet, seine Aufmerksamkeit der Pflanzen
und Blumenwelt zuwendet und in echter gradsinniger Geisteskraft sich mit den stillreizenden Naturkindern vertraut macht“ (Goethe, „Der Verfasser teilt die Geschichte seiner botanischen Studien mit,“ in Goethes morphologische Schriften)

