Über Gewohnheit

Von Dostojewski stammt das Zitat „Ja, zäh ist der Mensch! Er ist ein Geschöpf, das sich an alles gewöhnt, und dies ist, glaube ich, die treffendste Bezeichnung für ihn“. Nichts scheint mir zutreffender zu sein als das. Als ich vor wenigen Monaten in die Stadt zog, ging ich oft am Abend in der Umgebung spazieren und konnte nicht genug kriegen von der sommerlichen Atmospäre; heute aber sehe ich kaum noch einen Grund herauszugehen, es ist nunmal nicht mehr so schön wie am Anfang. Selbiges mit einer Wohnung mit Seeblick auf den Zürchersee: Könnte man am Anfang stundenlang die Schönheit des Sees betrachten, würdigt man ihm nach einigen Monaten kaum mehr ein Blick. Viktor Frankl beschrieb in seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“, dass er und seine Insassen im KS Auschwitz sich selbst an Schmerz, Hunger, Gewalt und tierischen Zuständen gewöhnten. Ja, der Mensch gewöhnt sich tatsächlich an alles, sowohl gutes wie schlechtes.

Wenn etwas einmal zu einer Gewohnheit geworden ist, ist es extrem schwer, es aus eigenem Willen wieder loszuwerden. Dostojewski ging soweit und schrieb weiter über Gewohnheit dass „es wohl wahr zu sein scheint, dass die zweite Hälfte des menschlichen Leben sich gewöhnlich nur aus Gewohnheiten zusammensetzt, die man in der ersten Hälfte erworben hat.“

Wenn der Mensch sich an 12 Stunden Arbeitstage, an Abstinenz, Schmerz und Leiden gewöhnt, dann kann man diese Eigenschaft des Menschen für sich nutzen und von ihr profitieren. Die Frage stellt sich also, wie man 1) Gewohnheiten identifiziert 2) Schlechte Gewohnheiten abgewöhnt und 3) Gute Gewohnheiten aneignet.

Erstere Frage wird sich wohl mit Selbstreflektion beantworten, indem man sich fragt wohin man möchte, und ob das, was ich jeden Tag tue, mich auch tatsächlich dahin führt. Wenn nicht, sodann handelt es sich wohl um eine schlechte Gewohnheit. Sowieso sind „schlecht“ und „gut“ in diesem Zusammenhang keine objektiven, absoluten Begriffe, sondern relativ zu den individuellen Zielen die man sich selbst setzt. Eine Gewohnheit ist dann gut, wenn sie zu dem gesetzten Ziel führt, sie ist dann schlecht, wenn sie nicht zu dem Ziel führt oder sogar von diesem wegführt.

Zweitere Frage scheint mir die schwierigste zu sein. Mal identifiziert, wird einem bewusst wie lange die Gewohnheit einen schon beherrscht; in vielerlei Hinsicht ist man beinahe ein Sklave der Gewohnheit geworden: Sie kontrolliert dich, ob du willst oder nicht, sie hält dich fest, zwingt dich ein und lässt dich nicht mehr los. Jeder kennt solche Gewohnheiten, zeitgenössische Beispiele sind das Rauchen, das Konsumieren von Pornos oder aber auch das Konsumieren von kurzen Video-Formaten, die schnelle Dopamin-Hits vermitteln. Alle solche Gewohnheiten hat man sich unbewusst angeeignet und bringen, neben einem Verlust der Kontrolle über das Leben und Ziele, vor allem auch körperliche Nachteile mit sich. Sich von solchen Gewohnheiten zu befreien bedeutet sich von den Ketten loszureissen und ein Stück Freiheit zurückzugewinnen. Wer dies nicht schafft droht unbewusst von gesellschaftlichen, umweltlichen Faktoren hin- und hergeschubst zu werden; es droht ein Absturz ins unendliche Chaos.

Das An- und Abeignen von Gewohnheiten hängt eng mit den gesetzten Zielen zusammen (vgl. „Über Ziele“). Wenn man Ziele vor den Augen hat, entsteht erst ein Bewusstsein für „gute“und „schlechte“ Gewohnheiten. Wenn man sich also feste Ziele gesetzt hat, die man mit Motivation verfolgt, dann wird es auch einfacher schlechte Gewohnheiten loszuwerden. Wichtig ist, keine Leere zu hinterlassen, sondern die schlechten Gewohnheiten gleich mit guten zu ersetzen. Hilfreich kann dabei ein „Habit tracker“ sein, indem man Gewohnheiten im Auge behält und sich mit einem Partner gegenseitig darauf überprüft und sich in Verantwortung zieht. Frage 2) und 3) kann demnach in einem Gedanken beantwortet werden: Man muss überzeugende Ziele setzten, diese im Auge behalten und die Gewohnheiten durch Reflektion an- oder abgewöhnen. In jedem Fall wird die Erinnerung an die Ziele mit der Zeit immer weniger notwendig, da die Gewohnheit wohl ca. nach 30 Tage zu einem unbewussten Vorgang wird, den man nicht mehr anzweifelt.

Gewohnheit kann Kamerad oder Gegner, Freund oder Feind sein; will man nicht ins unwillentliche Chaos stürzen, muss man sie in sein Team bringen. Denn die Gewohnheit ist, richtig genutzt, des Menschen bester Freund, und unbewusst benutzt, dessen grösster Feind.

Der Ursprung der Gewohnheit:

Woher kommt nur diese menschliche Fähigkeit, sich an alles zu gewöhnen? Diese Resilienz des Menschen – die einzigartige Fähigkeit sich an allem anzupassen – ist ein entscheidendes Merkmal im evolutionären Kampf des Überlebens. Dadurch, dass sich der Mensch an etliche klimatische Bedingungen anpassen konnte, aber auch an kulturellen und sozialen Umgebungen, an Essen, hatte der Homo sapiens einen entscheidenden Überlebensvorteil. Alle psychologischen, kulturellen und neurobiologischen Merkmale des Menschen sind auf diesen Überlebensvorteil zurückzuführen.

P.S.: Führt die Gewohnheit aber auch dazu, dass man nicht mehr schätzt, was man hat? Ist sie so paradox, dass sie zu einem guten oder schlechten Leben (objektiv gesehen) führen kann und man es gar nicht mehr merkt wie es um das eigene Leben steht? Wohl darf das Leben nicht nur nach Gewohnheiten ausgerichtet sein, denn so führt sie zu „Gleichgültigkeit, Ermüdung und Langeweile“ (Hegel). Diese Frage ist aber eine, die hier den Rahmen sprengt und ein anderes Mal behandelt werden soll.