Haben oder Sein – Erich Fromm

Abstract

Erich Fromm zeigt in diesem Buch auf, dass es eine grundlegende Veränderung der Einstellung des Menschen gegenüber dem Leben braucht. Momentan ist das Leben des Menschen am „Haben“ orientiert und Fromm zeigt die Gefahren einer solchen Lebenseinstellung auf und wie die Transformation zu einer Lebensweise des „Seins“ gelingt.

Existenzweise des Habens:

Im „Haben“ wird das Konsumierte als Besitz angesehen. Man will Dinge „haben“, d.h. besitzen. Dabei entsteht das inhärente Problem des Hedonismus: Man will immer mehr haben, die Lust ist niemals endlos gestillt. Erwerben, Besitzen und Gewinnmachen zeichnen diese Existenzweise. So werden durch Privateigentum (von lat. privare=berauben) andere von Gebrauch und Genuss von Gütern ausgeschlossen. Im der heutigen „Haben“-Gesellschaft identifizieren sich Menschen mit Dingen die sie besitzen: Ihrem Auto, Hund, ihren Kleidern. So äussert sich auch in der Sprache die Existenzweise des Habens: Mein Auto, mein Arzt, mein Chef, mein Anwalt etc. So sind auch Menschen die nach Gleichheit streben im Grunde genommen weiterhin an der Haben-Welt orientiert; sie wollen nicht Gleichheit aufgrund von Gerechtigkeit sondern weil sie neidisch sind auf diejenigen die mehr besitzen als sie.

Existenzweise des Seins:

Die Existenzweise bezieht sich auf Erlebnisse statt Dinge. Um zu sein muss man seine Egozentrik und Selbstsucht aufgeben. Das kontemplative Leben ist die Form des Seins. So kommt Fromm auf Spinoza, der heraushob, dass Aktivität und Handlung mit der menschlichen Natur in Einklang stehen muss. Das Ziel des menschlichen Leben ist demnach nach seiner artspezifischen Natur zu streben und sich darauf optimal zu verwirklichen. Spinoza heute weitläufig bekannte psychische Erkrankungen wie Depression voraus: derjenige, der von irrationalen Leidenschaften, die gegen die menschliche Natur gehen, getrieben wird, ist seelisch. Die psychische Krankheit ist ein Symptom der Unfähigkeit, im Einklang mit den Erfordernissen der menschlichen Natur zu leben. In der Existenzweise des Seins liegt der Wille zu geben, teilen und opfern zu Grunde. Dies liegt auch in der menschlichen Natur, zwar genauso wie einige Aspekte der Existenzweise des Habens.

Haben und Sein Beispiele:

So führt Fromm Beispiele an zu den beiden Existenzweisen von Haben und Sein. So z.B. beim Lernen und Wissen. Man kann Wissen „haben“ insofern man es zu seinem Besitz machen will, man schreibt es auf usw. und tut eignet es sich an um andere zu übertreffen, zu dominieren, zu beeindrucken. Dabei perfektionieren Menschen ihre Fähigkeiten wie z.B. der Erinnerung, wenn sie nicht auf allfällige Hilfsmittel angewiesen sind. Fromm beschreibt, dass man nicht auf Hilfsmittel angewiesen sein sollte. Ein selbstbewusster Mensch weiss, wer er ist. Im Gespräch vergisst er sich selbst, sein Wissen und seine Position, sein Ich (Ego) steht im nicht im Weg. Während man im Haben nach mehr Wissen strebt, ist das Ziel im Sein tieferes Wissen.

Auch die Angst vom Tod kommt von der Existenzweise des Habens: Man hat Angst, zu verlieren was man hat. Die Überwindung vom Tod gelingt durch ein Leben im Sein: Man soll sich nicht an das Leben klammern, es soll nicht als Besitz betrachtet werden.

Der Wandel zur neuen Gesellschaft:

Fromm betont, dass es für einen grundelegenden Wandel in der Gesellschaft „religiöse“ Impulse braucht, insofern es ein neues Denksystem braucht, dass dem Individuum einen neuen Rahmen und Orientierung gibt. Das heutige Denksystem nennt Fromm die „Religion des Industriezeitalters“ und den Charakter des Individuums darin den „Marketing-Charakter“. Der Marketing-Charakter zeichnet sich aus, indem er das Ziel hat, sich vollständig an das System anzupassen um begehrenswert zu sein. Menschen mit einem solchen Charakter sind oft egoistisch und haben kein wirkliches „Selbst“. Marx sprach in diesem Zusammenhang von entfremdete Charaktern, die v.a. der Manager verkörperlicht. Fromm beschreibt verschiedene Ideen um zu einer solchen gesunden Gesellschaft zu gelangen. So sollte durch ein Gremium ein gesunder und vernünftiger Konsum festgelegt werden und dieser der Öffentlichkeit vorgeschlagen werden. Weiter sollten grosse Machtzentren, sowohl politisch wie auch wirtschaftlich eingeschränkt werden. Propaganda und Gehirnwäsche sollten verboten werden. Fromm spricht sich auch für ein Grundeinkommen aus, dass Unabhängigkeit und menschliche Entfaltung garantiert. Eigenschaften des „neuen“ Menschen die Fromm anführt sind u.a. folgende:

  • volle Entfaltung der Persönlichkeit als Ziel
  • Freude am Geben und Teilen
  • Gegenwärtig sein
  • sich selbst kennen
  • im Prozess der Entwicklung glücklich sein und Freude verspüren

Zitate:

„Aber den meisten Menschen fällt es zu schwer, ihre Habenorientierung aufgeben; jeder derartige Versuch erfüllt sie mit tiefer Angst; sie haben das Gefühl, auf jegliche Sicherheit zu verzichten als würden sie ins Meer geworfen, ohne schwimmen zu können. Sie wissen nicht, dass sie erst dann beginnen können, ihre eigenen Fähigkeiten zu gebrauchen und aus eigener Kraft zu gehen, wenn sie die Krücken des Besitzes weggeworfen haben.“ (S. 111)

„Menschen mit einer Marketing-Charakterstruktur haben kein Ziel, ausser ständig in Bewegung zu sein und alles mit grösstmöglicher Effizienz zu tun. Fragt man sie, warum alles so rasch und effizient erledigt werden muss, erhält man keine echte Antwort, nur Rationalisierungen wie: „Um mehr Arbeitsplätze zu schaffen“ oder: „Damit die Firma weiter expandiert.“ Philosophischen oder religiösen Fragen, etwa wozu man lebt und warum man in die eine und nicht die andere Richtung geht bringen sie (zumindest bewusst) wenig Interesse entgegen. Sie haben ihr grosses, sich ständig wandelndes Ich, aber keiner von ihnen hat ein Selbst, einen Kern, ein Identitätserleben. die „Identitätskrise“ der modernen Gesellschaft ist darauf zurückzuführen, dass ihre Mitglieder zu selbst-losen Werkzeugen geworden sind, deren Identität auf ihrer Zugehörigkeit zu Grosskonzernen (oder anderen aufgeblähten Bürokratien) beruht.“ (S. 181)