So muss ich Rousseau in seinem ersten Diskurs doch über einige Punkte zustimmen, so schwer mich mein Herz dagegen auch wehrt. So scheint es mir doch wahr zu sein müssen, dass der Mensch nichtmehr so ehrlich ist, wie er es im Naturzustand war. Denn wieso sollte er auch? In einer Gesellschaft, in der das Individuum nach Ansehen, Geld oder anderen materiellen Dingen strebt, kalkuliert der Mensch lieber ob es sich lohnt ehrlich zu sein, bevor er seine wahre Meinung sagt. So würde ich mit Fug und Recht behaupten, dass die allermeisten Menschen schon gar nicht mehr wissen wie man ehrlich ist, sie haben sich an ihre Maske gewöhnt, sind ihr Schein geworden. So kann ich meinem Dozenten oder meinem Chef, nicht als Arschloch bezeichnen, denn das hätte direkte Konsequenzen für mich selbst. Aber es muss auch garnicht so brutal sein. So würde ich meinem Chef auch nicht sagen, wenn seine Haare nicht gut aussehen, ja ich würde es auch nicht sagen, wenn sie es doch tun, denn das könnte seltsam rüberkommen und wiederum meine Position gefähren. So tragen wir doch alle die Maske des Scheins und wissen schon kaum mehr wie wir sie wieder ablegen können. Ehrliche und authentische Menschen sind selten, und wenn wir doch solche treffen, betiteln wir sie mit Prädikaten wie unhöflich oder frech.
Jedoch scheint es mir nicht zwingendermassen die Wissenschaften zu sein, die für dieses Unglück zu verantworten wären (wie es Rousseau behauptet). Könnten doch einige Institutionen aufgelistet werden, die denselben Effekt mit sich tragen. So wohl die Religion, Unternehmen, Schulen; übergreifend der Kapitalismus. In jeder Institution in dem das eigene Ziel am Wohlergehen von anderen abhängt, beginnen die Lügen.
Aber was ist denn Ehrlichkeit überhaupt?
Hier erinnere ich mich an Dostojewskis Geschichte „Der Traum eines lächerlichen Menschen“ in der er die unverdorbenen Einwohner eines fernen Planeten ins Verderben stürzt, indem er ihnen das Lügen beibringt.
