Über Eigenverantwortung und die Pflicht

Wenn ich mir von allen Ländern der Welt eines hätte auswählen können, in dem ich geboren werden musste, hätte ich wohl die Schweiz gewählt. Von den 26 Kantonen der Schweiz hätte ich Zürich ausgewählt. Und statt in der Stadt hätte ich ein Aufwachsen auf dem Land bevorzugt, einem Ort, von dem aus die Stadt trotzdem schnell erreichbar wäre. Ich hätte sicherlich nicht in einer armen Familie aufwachsen wollen, aber auch nicht in einer zu wohlhabenden, in der ich nichts tun müsste und keine Ambitionen entwickeln könnte. Nun hat der Zufall, Gott oder das Universum es so ergeben, dass in meinem Fall tatsächlich all diese Faktoren zutreffen. 

Nun kann man mir bei der Auswahl dieser Faktoren sicherlich einen gewissen „Bias“ (Voreingenommenheit) vorwerfen. Während sich diskutieren lässt ob die von mir gewünschten,  bzw. aufgezählten Faktoren objektiv die besten Voraussetzungen sind, glaube ich doch, dass sie weit oben auf der Liste stehen müssen. Mit einem bestimmten objektiven Ansatz kann man sicherlich sagen, dass es „besser“ ist, in der Schweiz statt in Afghanistan oder in einer mittelklassigen statt armen Familie geboren zu sein. 

Viele Menschen wären ohne Frage gerne in meinen Schuhen, denn die Welt liegt mir zu Füssen. Wenn ich bei mir selbst das Anne-Karenina Prinzip anwende, stelle ich fest, dass alle Faktoren erfüllt sind, die es (wohl) braucht für ein „erfolgreiches“, zufriedenes Leben. Sicherlich habe ich die einzigartige, seltene Möglichkeit, völlig frei zu entscheiden, was ich aus meinem Leben machen möchte. Ich habe in der Lotterie gewonnen, und wenn ich das Los nicht einlöse, dann bin ich selber Schuld. Die meisten Menschen merken nicht, dass sie ein Gewinnerlos in der Tasche tragen, sie haben es vergessen und haben tatsächlich die Torheit noch weiter Lotto zu spielen. Aber was bedeutet das, das Los einzulösen? Wer hat mir diesen Lotterieschein überhaupt verschafft? Weshalb mir? Wie verdiene ich diese Voraussetzungen? Welche Verantwortung (oder Pflicht) kommt mit einer solchen Möglichkeit? Wem bin ich es schuldig? Woher dieses Los kommt kann nicht beantwortet werden ohne auf theologische oder spirituelle Geschichten zurückzugreifen; dies möchte ich hier nicht tun. 

Welche Verantwortung oder Pflicht habe ich?

Ob ich diese Möglichkeit verdiene hängt mit der Verantwortung zusammen mit der eine solche Möglichkeit kommt. Wenn ich dieser gerecht werde, dann verdiene ich sie, wenn nicht, dann nicht. Welche Verantwortung ist also gemeint? Ich denke, dass der Fakt, dass ich zu den wenigen, wahrscheinlich 0.1% der Menschen, gehöre, die eine solche Möglichkeit besitzen, mich verpflichtet (oder verantwortet), das meiste daraus zu machen. Das heisst spezifisch, dass ich mein Potenzial vollumständig ausschöpfen muss und, und das ist der entscheidende Punkt, falls ich das nicht tue, ich allein verantwortlich dafür verantwortlich bin. Dies ist die Eigenverantwortung die mir aufgetragen wurde. Wenn ich mich schlecht fühle, dann bin ich selber Schuld. Wenn ich ein Ziel, das ich mir selbst gesetzt habe, nicht erreiche, dann bin ich selber Schuld. Ich kann niemand für meine Versäumnisse verantwortlich machen, denn mir wurden zwei Asse ausgeteilt und wenn ich diese nicht spiele, liegt das nicht an anderen, sondern an mir. 

Wem schulde ich es, mein Potenzial auszuschöpfen? 

Ich schulde es zum einen all denjenigen, die mir diese Voraussetzungen geschaffen haben und dafür teils hart gekämpft haben: Meine Vorfahren aber auch meiner Familie. Zum anderen schulde ich es all denjenigen, die gerne dieselbe Voraussetzungen wie ich haben möchte. Was würde ein Soldat, der in der französsichen Revolution für Gleichheit, Selbstbestimmungsrecht, Bildung und weiteres kämpfte, über mich sagen, wenn er mich sehen würde, wie ich pro Tag 3 Stunden kurzförmige Inhalte konsumiere, die mir kurze Dopamin-Hits verschaffen, die Welt aber kein Stück verbessern, und ich das alles auf einem Gerät tue, mit dem ich Zugriff auf mehr Informationen habe als der mächtigste Mensch der Welt vor nur 100 Jahren? Ich sollte mich schämen, alle Errungenschaften meiner Vorfahren so zu negieren, und ein dekadentes Leben nach einem Streben nach Lust zu führen. Ich schulde es mir selbst und vor allem meinen Voraussetzungen, mein vollstes Potenzial auszuschöpfen. 

Von welchem Potenzial ist die Rede?

Was Potenzial ist und was man mit diesem anfangen soll ist eine schwierige Frage, die schlussendlich zu der Frage darauf hinausläuft, ob es ein objektives gutes Leben gibt, oder jeder selber für sich subjektiv entscheiden kann, was für sich ein gutes Leben ist. Wenn es ein objektives Ziel des Lebens gibt, dann würde das Potenzial darin bestehen, möglichst nahe an dieses zu kommen. Wenn aber jeder selber subjektiv für sich bestimmt, was sein Lebensziel ist, dann stellt sich die schwere Frage woraus dieses bestehen soll. 

Ich bin mir noch nicht im klaren, ob es das eine objektiv gute Leben gibt, dem ich mich ausrichten soll, wie es beispielsweise Aristoteles mit seiner Eudämonie-Lehre behauptete. Doch sicherlich gibt es „richtigere“ Weisen das Leben zu führen. Das Leben nach Streben nach Lust kann nicht das objektive menschliche Ziel sein. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass wer sein Leben nach dem Genuss ausrichtet, sich nach Ferien, gutem Essen, Sonne und weiterer Befriedigung sehnt, kein gutes, sondern eher das Leben eines Sklaven lebt. So soll mein Leben also auf keinen Fall darin bestehen, möglichst viel Geld anzuhäufen, möglichst viel materielle Dinge anzuschaffen, auf möglichst viele Ferien zu gehen usw.. Eher sollte es darin bestehen, die Welt, bevor ich sie wieder verlasse, einen besseren und gerechteren Ort zu machen.