Ich habe Neid in mir, es fällt mir schwer, anderen Menschen etwas zu gönnen. Ich kann zwar Dinge sagen wie „ich bin glücklich um dich“, „ich freue mich für dich“ aber ich sage solche Dinge nur, weil ich denke es ist angebracht sie in bestimmten Situationen zu sagen; ich meine es nicht wirklich. In Wirklichkeit denke ich mir „ich gönne es dir nicht, dass du glücklich bist, dass du erfolgreich bist“ – doch weshalb? Weshalb fällt es mir selbst so schwer, anzuerkennen wenn es jemandem gut geht? Es ist nicht so, dass ich nicht will, dass es jemanden nicht gut geht per se; ich habe vielmehr Mühe zu sehen, dass es jemandem besser geht wie mir selbst. Hier scheint mein Egoismus ans Licht zu kommen: Offensichtlich möchte ich, dass es mir selbst zuerst sehr gut geht, ja wahrscheinlich möchte ich schlicht und einfach dass es mir besser geht als anderen. Wenn also jemand z.B. frisch in eine glückliche Beziehung kommt, denke ich mir nicht „ach, wie schön, ich freue mich für dich“, sondern ich habe mich tatsächlich schon ertappt, und ich traue mich kaum dies auszudrücken, dass ich denke „Ich hoffe, die Beziehung hält nicht lange an“. Diese Worte sind ein klarer Ausdruck, dass etwas in mir nicht in Ordnung ist, dass ich von einem immensen Egoismus getragen werde. Ich muss hingegen anmerken, dass ich mich an keinen Vorfall erinnern kann, an dem diese Art von Neid so weit führte, dass ich einer Person Schaden zufügen mochte. Es blieb meines Erachtens immer nur bei den Gedanken. Doch woher kommen diese Gedanken und was ist ihr Zweck, was löst sich durch sie aus? Ich denke es hat vor allem damit zu tun, dass ich in dem Moment, in dem ich sehe, dass jemand anderes z.B. in einer Beziehung ist, realisiere, dass ich zumindest in dieser Hinsicht nicht so weit bin wie dieser Mensch. Statt mir einzugestehen, dass diese Person in dieser Hinsicht „weiter“ ist wie ich (was auch immer das heissen mag), reagiere ich mit Neid. Es scheint sich mir aber um eine Form von Neid zu handeln, die auch motivieren kann, insofern ich durch den Neid angetrieben werde, dies zu erreichen, was eine andere Person erreichte. Sodurch scheint zumindest dieser produktive Neid unmittelbar durch die Gesellschaft geformt zu sein in der ich lebe: Ist es nicht so, dass ich in fast jeder Umgebung, in der ich mich befinde, ein Konkurrenzverhältnis herrscht? In der Schule wird man an Noten gemessen; man beginnt sich beinahe gezwungenermaßen mit anderen Schülern zu vergleichen und die, die bessere Noten haben, zu beneiden. Gleiches gilt im Studium, aber auch bei der Arbeit, bei der man entweder mit Lohn oder expliziter mit Arbeitstitel (Consultant, Manager etc.) gemessen wird; diese werden mit einander verglichen und wiederum beneidet man sich. Diese Art von konstruktiver, produktiver Neid, soll dazu führen, dass man selbst motiviert wird, höhere Leistungen zu erbringen. Und ich muss doch selbst sagen, dass es funktioniert: Hätte ich denn tatsächlich bessere Noten angestrebt, wenn ich schon der beste gewesen wäre? Hätte ich tatsächlich versucht ins Gymnasium zu gehen, wenn ich nicht andere gesehen hätte die dies geschafft haben? Wollte ich denn nicht auch eine Banklehre machen, weil sie eben am meisten Prestige bringt? Ich muss mir selbst eingestehen, dass mir etliche Erinnerungen einfallen, bei denen ich anerkennen muss, dass Neid und das Verlangen, sich von anderen abzuheben, der Hauptantrieb meiner Handlungen war.
Produktiver Neid kann in einer konkurrenzgetriebenen Gesellschaft also durchaus einen positiven Nutzen haben, insofern er Menschen antreibt, sich zu verbessern und sein Potenzial auszuschöpfen. Wobei wiederum in Frage gestellt werden kann, ob dieser äussere Antrieb tatsächlich etwas gutes ist. Macht man sich so nicht abhängig von anderen Menschen und wird so zu ihrem Sklaven? Sollte ein Antrieb nicht immer intrinsisch aus einem selbst kommen, damit er „gut“ ist? Wie verhält sich eine Gesellschaft, in der alle gleichgestellt sind, in der es die Möglichkeit, jemanden anderes zu beneiden, gar nicht gibt? Ich wage zu behaupten, dass, insofern in solcher Gesellschaft zumindest die Möglichkeit besteht, sich z.B. materiell von anderen abzuheben, es sicherlich auch Menschen geben würde, die dies anstreben; demnach würden diese Menschen nicht von Neid angetrieben werden, sondern von dem Verlangen, sich von anderen abzuheben. Erst in einem zweiten Schritt, nachdem es Menschen gibt, die sich in irgendeiner Weise von anderen Menschen abheben, entsteht Neid. Neid scheint mir also nicht zwingend etwas natürliches zu sein. Wenn der Urmensch materiell und sozial gleichgestellt war, wurde er nicht von Neid angetrieben, denn die Möglichkeit dazu besteht gar nicht. Diese Menschen wurden zuerst angetrieben von dem Verlangen sich von anderen abzuheben, denn dies brachte uns einen evolutionären Vorteil: Die Gruppe, die sich nicht zufrieden gab, mit dem was sie hatte, war diejenige, die bereit war, mehr Essen zu sammeln, grössere Dörfer zu bauen, ihr Einflussgebiet auszuweiten; es waren solche Gruppen die überlebten. Genügsamkeit ist keine natürliche Tugend, deswegen ist es auch so schwer, sich mit etwas zufrieden zu geben (auch wenn der Hang dazu in unserer kapitalistischen Gesellschaft ins unermessliche gesteigert wird). Neid ist eine Folgeerscheinung dieser anderen inhärenten Veranlagung des Menschen, dem Verlangen nach mehr.
Ein Analogie bzw. ein Witz über die beiden Arten von Neid funktioniert wie folgt: Es gibt amerikanischen und deutschen Neid. Wenn der Amerikaner jemanden mit einem Ferrari sieht, sagt er „so einen wünsch ich mir auch“, wenn ein Deutscher jemanden mit einem Ferrari sieht, sagt er „ich wünsche mir, er macht einen Unfall“ (oder Ähnliches).
