In letzter Zeit stelle ich des Öfteren die Frage, für was die Philosophie überhaupt da ist, d.h. welchen Nutzen sie denn überhaupt hat. Zum einen frage ich mich nach dem Nutzen auf individueller, persönlicher Ebene, zum anderen nach dem Nutzen der Philosophie auf gesellschaftlicher, sozialer Ebene. Es ist wohl diejenige Frage, die sich jedem Aussenstehendem, der sich nicht gross mit der Philosophie auskennt, als erstes stellt: „Was sollte das Ganze bringen, für was sollte das sein?“ Durchdrängt und beeinflusst durch den (kapitalistischen) Gedanken, nachdem Nutzen stets an einem wirtschaftlichen Ertrag gekuppelt wird, fällt es ihnen schwer, wie Menschen, die in einem Raum sitzen und darüber argumentieren, was intentionale Zustände nun sind (was soll das überhaupt heissen?), irgendeinen Beitrag an der Gesellschaft leisten. Und zum Teil teile ich ihre Skepsis. Welchen Nutzen hat es für die Gesellschaft, wenn die Universität mit öffentlichen Geldern etliche Doktoranden, wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren bezahlt, um danach zu „forschen“ ob Tiere nun denken können, ob es so etwas wie einen Geist gibt, wie Hegel zu freiem Willen steht oder ob nun der Naturzustand von Rousseau oder Hobbes zutreffender ist? Mir selbst fällt es schwer, die Philosophie in diesen Angelegenheiten zu verteidigen und das mag teils daran liegen, dass ich mich nun mal nicht ausgiebig auskenne in diesen Bereichen, d.h. den Bezug zum Nutzen vielleicht einfach nicht sehen kann, oder aber es liegt daran, dass wohl doch etwas daran ist. Wie würde nun ein Anwalt der Philosophie auf die Anklage antworten, das seien alles Dinge, die die Gesellschaft viel kosten, ihr aber kaum etwas zurück geben? Ich denke er muss dem Ankläger notwendigerweise auf einen Nutzen hinweisen, der in erster Linie nicht sichtbar ist. Wenn wir wissen, ob gewisse Tiere nun denken können, wie wir es tun, dann bedeutet das möglicherweise einen moralischen Fortschritt. Insofern Tiere uns im Empfinden von Schmerz und auch im Denken gleichwürdig sind, entsteht womöglich ein neues moralisches Bewusstsein, nachdem wir es für moralisch falsch halten, Tiere zu ermorden (wie wir es schliesslich für falsch halten, Menschen zu ermorden). Wenn wir herausfinden, wie der Geist und der Körper zusammenhängt, oder ob sie überhaupt zwei verschiedene Teile sind, dann hilft uns dass, den Menschen und seine Handlungen besser zu verstehen; zugegebenermaßen könnte man hier jedoch einwenden, dass die Neurowissenschaft oder die Psychologie dies viel effizienter zu untersuchen weiss. Bestimmte Begriffsuntersuchungen von Philosophen die seit 200 Jahren tot sind, wie Hegel und Rousseau, sind hier noch viel schwieriger zu rechtfertigen. Ihr Einfluss auf die Gesellschaft ist unbestreitbar immens, doch welchen Nutzen aus ihnen noch bis heute gezogen werden kann, ist oft nur schwer nachvollziehbar. Sicherlich kann eine Parallele gezogen werden, zwischen Rousseau’s Begriff amour propre und der heutigen Gesellschaft, die sich über Social Media ständig miteinander bis ins pathologische vergleicht; so findet man der Ursprung dieser Tendenz wieder und kann diesen Trend vielleicht umkehren.
Doch die Philosophie hat sich in den letzten Jahrzehnten „verwissenschaftlicht“. Eine Doktorarbeit lautet heute in etwa „Freiheit ohne Subjekt“, „Bild und Gleichnis bei Wittgenstein“, „Ich sage „ich“: eine sprachphilosophische Betrachtung des Wortes „ich“ und dessen, was wir über uns selbst sagen.“ Auch wenn ich doch zugeben muss, dass bei mir diese Titel zwar persönlich Interesse wecken, muss ich doch anerkennen, dass der grösste Teil der Gesellschaft nicht berührt, ja nicht einmal gestreift von solchen Themen wird. Trägt nun ein wissenschaftlicher Mitarbeiter an der philosophischen Fakultät oder ein Bauarbeiter, der dafür sorgt, dass wir ein Dach über den Kopf haben, mehr zur Gesellschaft bei? Hat nicht Wittgenstein auch – nachdem er glaubte, alle philosophischen Probleme gelöst zu haben – sich freiwillig dazu entschieden, als Gärtner zu arbeiten? Deutet das nicht auch darauf hin, dass dieser geniale Kopf dies einsah? Ja, Wittgenstein ging sogar so weit, dass er die grössten philosophischen Probleme letztendlich als Geistesstörungen betrachtete, die entstehen, weil wir uns in einen unzuträglichen Sprachgebrauch verrannt haben. Ich spreche der Philosophie nicht jeden gesellschaftlichen Nutzen ab, aber ich bin doch skeptisch eingestellt gegenüber einen grossen Teil ihrer heutigen Veröffentlichungen. Braucht es denn tatsächlich so viele „praktizierende“ Philosophen? Wie viele Papers, an denen Philosohen monatelang arbeiten, werden gelesen? Von wie vielen Leuten? Und auch wenn, was für einen Einfluss hat dies schon auf die Gesellschaft? Schon Rousseau war der Philosophie (& allgemein der „Wissenschaft“) gegenüber kritisch eingestellt: „Sagt mir, ihr beachteten Philosophen, wie der Körper und der Geist korrespondieren, welche Insekten wie repdroduzieren, welche der Planeten bewohnbar sind!“ Seine Ironie muss doch für jeden, dessen Geist noch nicht komplett von der Philosophie aufgesogen wurde, tiefe Spuren hinterlassen. Sodann fällt es mir schwer, den grösseren, gesellschaftlichen Nutzen der Philosophie und die etlichen wissenschaftlichen Philosophen zu verteidigen. Doch muss hier wohl auch angemerkt werden, dass praktizierende Philosophen nur einen winzigen Bruchteil ausmachen der wissenschaftlichen Mitarbeiter an einer Universität. Obwohl dies keine Rechtfertigung ist, muss doch anerkennt werden, dass Jedermann eine lange Liste von unnötigen, überflüssigen Jobs anführen kann.
Doch wie sieht der persönliche, individuelle Nutzen der Philosophie aus? Und hängt dieser gewissermassen doch noch mit dem gesellschaftlichen Nutzen zusammen? Ich kann hier aus eigener Erfahrung schöpfen und durchaus behaupten, dass die Philosophie meinem Leben eine 180 Grad Drehung gebracht hat in die positive Richtung. Und ich bin zutiefst überzeugt, dass jeder Philosophiestudent dasselbe behaupten würde. Es wird sich nicht ein einziger Philosophiestudent finden, der sein Studium bereut. Nicht ein einziger wird sagen, dass ihm das Philosophiestudium nichts gebracht hat, dass er so gut wie nichts gelernt hat; im Gegenteil: Die allermeisten würden darauf hinweisen, dass sie zutiefst zufrieden sind mit dem Studium (Wie würden wohl die etlichen Wirtschaftsstudenten diese Fragen beantworten?). Doch woran liegt das? Was ist es, dass einem im Philosophiestudium vermittelt wird? Ich denke doch, dass philosophische Fragen zutiefst menschlich sind, es sind Fragen, die sich jeder an einem Punkt in seinem Leben stellen wird: Wie soll ich handeln, was ist die richtige Handlung? Was ist der Sinn des Lebens? Was ist mir wichtig und weshalb? Was die Philosophie vermittelt, ist in erster Linie Selbstreflektion. Dadurch, dass man sich solchen «grossen» Fragen stellt, reflektiert man automatisch über seinen Platz in der Welt. Man beginnt sich zu fragen, was einem selbst wichtig ist, was man will, doch dann stellt man sich die nächste Frage: Weshalb will ich, was ich will? Ist es sinnvoll das zu wollen? Ich will viel Geld verdienen. Doch weshalb? Was soll mir das bringen? Die meisten Menschen bleiben bei den ersten Fragen stehen, sobald ihnen ein Wunsch gekommen ist (und sie wissen selbst nicht woher er kam), akzeptieren und verfolgen sie diesen. Doch die Philosophie hält dich an und lässt dich fragen, wie du wirklich ein sinnvolles Leben lebst. Die Philosophie ist eine Art Entschlüsselung der fundamentalsten Werte der Welt. In der Ethik wird tatsächlich darüber gesprochen, wie wir handeln sollten: Sollten wir unsere Handlungen so ausrichten, dass sie den grösstmöglichen gesellschaftlichen Nutzen davontragen? Oder soll jeder für sich schauen? Welche Motivation gibt es überhaupt, moralisch zu handeln? Ich kann mir heute nichtmehr vorstellen, was für ein Mensch ich wäre, ohne gewisse Bücher und Texte von Philosophen gelesen zu haben. In was für einer Ignoranz würde ich leben, wenn ich niemals den Utilitarismus, der doch dem ganzen kapitalistischen System zugrunde liegt, kennengelernt hätte? Was, wenn ich nicht gesehen hätte, wie Aristoteles aufzeigt, weshalb ein Leben nach unendlichen Luststreben nicht sinnvoll ist? Würde ich denn nicht noch immer nach Geld streben, nach dem nächsten «Kick», den nächsten Ferien, dem nächsten Auto, neuen Kleider usw.? Niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass unsere Sprache es ist, die unserer Welt Bedeutung gibt, und wie viel Probleme sich mit ihr ergeben! Und was ist denn überhaupt die Bedeutung von Wörtern? Was soll den das heissen, «frei» zu sein? Was ist «schön»? Was ist «Bedeutung»? Oh, welch Ignoranz! Ich hätte mein Leben lang damit verbracht, Wörter und Sprache zu benutzen, ohne zu wissen, was ich da überhaupt sage! Durchaus kann ich mir vorstellen, dass solche Gedanken für viele Menschen, die noch nie mit der Philosophie in Kontakt kamen, sehr fremd und absurd wirken. Man stelle sich nur vor, dass die allermeisten Menschen nie davon erfahren werden, dass ihre heutige Gedanken komplett determiniert sind von Philosophen (und natürlich vielen anderen Menschen), die vor über 200 Jahren festgelegt hatten, wie unser System auszusehen hat. Die Philosophie war für mich ein Wurf ins Dunkle, doch sie offenbarte sich als kompletter Volltreffer. Ich erachte es als unendliches Glück und Privileg, mit der Philosophie in Kontakt gekommen zu sein, und ich wünschte mir doch von tiefstem Herzen, dass jeder Mensch einmal sich zumindest für einige Zeit philosophischen Fragen stellt und sich wirklich einmal fragt, was er denn hier macht und was er im Leben machen will. Die Philosophie zeigt dir, wie du ein guter Mensch wirst und sie zeigt dir, weshalb du ein guter Mensch werden solltest! Ja es ist wahr, es gibt für keine philosophische Fragen abschliessende Antworten, aber es gibt doch bessere und schlechtere Antworten auf diese menschlichen Fragen.
Sodann kann mal wohl mit Fug und Recht behaupten, dass eine Disziplin, die Studenten zu guten Menschen macht, doch nicht komplett ohne gesellschaftlichen Nutzen ist. Wie müsste eine Philosophie aussehen, in der der gesellschaftliche Nutzen von ihr maximiert wird? Ich denke, der grösste Nutzen kann dadurch gebracht werden, indem möglichst viele Menschen zumindest mit den Grundlagen der Philosophie in Kontakt treten. Es wird jedem Menschen hilfreich sein, aufzuzeigen, wie man reflektiert, weshalb es wichtig ist zu reflektieren, was es heisst ein guter Mensch zu sein, und wieso man einer sein sollte. Die meisten Menschen werden nicht das Verlangen haben, diese Fragen soweit voranzutreiben, bis sie so abstrakt werden, dass der gesellschaftliche Nutzen nur noch schwer erkennbar ist. So glaube ich auch, dass die Möglichkeit besteht, die Philosophie der breiten Masse zugänglich zu machen. Die heutige Philosophie wirft nur so mit eloquenten Wörter und hochgestapelten Theorien herum, doch zumindest die Grundlagen der Philosophie kann einfach und verständlich jedem Menschen nähergebracht werden. In einer utopischen Welt wäre das der Fall: Sowie früher jeder (der über Status und Geld verfügte) eine Grundausbildung in Philosophie erhielt, so würde ein Pflichtfach Philosophie in der Schule angeboten werden. Es wird wohl nie soweit kommen, aber Träume sind schliesslich erlaubt und geben unserem Leben einen Sinn.
Wie hat die Philosophie mich persönlich verändert?
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Aber vielleicht lag ich auch falsch und der Nutzen der Philosophie liegt darin, zu diskutieren und richtig zu denken.
