Über das neue „Opium des Volkes“

Nach der Lektüre des NZZ-Artkels über die grösste Gefahr der Gegenwart möchte ich darüber reflektieren, was das Handy mit uns allen macht und wie man sich von dieser immensen Sucht löst.

Wenn ich am morgen ins Tram steige und mich umschaue, was die Leute so machen, dann ergibt sich folgendes Bild: 80% der Menschen sind an ihrem Handy, schauen irgendwelche kurzformatige, belanglose Videos, alle haben sie Kopfhörer in den Ohren, hören Musik, am besten noch mit Geräuschunterdrückung, damit man ja nichts von der Aussenwelt mitbekommt. Wo sind wir hier gelandet? Es ist mittlerweile komplett normal, sich ständig und überall mit dem Handy zu beschäftigen. Du musst kurz hinausgehen und etwas einkaufen gehen? Für den Weg direkt die Airpods in die Ohren, das reicht gleich für 1-2 Lieder! Du musst kurz auf dein Essen warten? Gleich ein wenig ans Handy, vielleicht hat ja jemand geschrieben, und wenn nicht, dann kann man ja ein bisschen Reels schauen oder sich sonst irgendwie beschäftigen. Denn wie soll man sonst schon die Zeit verbringen? Sich umschauen und nichts tun? Mit sich selbst und seinen Gedanken sein?! Kaum. Nichts ist uns heute ferner, als eine längere Zeit lang gar nichts zu tun und sich nur sich selbst und seinen Gedanken zu überlassen.

Wir alle haben ein pathologisches Suchtverhalten zu unseren Handys entwickelt. Das Handy ist das neue „Opium des Volks“ und es ist allgegenwärtig. Jeder weiss irgendwie, dass er Handysüchtig ist, doch trotzdem ändert niemand etwas daran, denn wenn man sich umschaut, dann ist es eben auch die Norm: Wir sind alle süchtig. Ist es also überhaupt noch schlimm, wenn wir es alle tun? Es ist eben schwerer, mit etwas aufzuhören, wenn man nicht in der Unterzahl ist. Jeder Heroinabhängige weiss, dass seine Sucht nicht gut tut, denn sie können sich im Alltag umschauen und sehen, welch ein krankhaftes Bild sie im Gegensatz zum Durchschnittsmenschen geben. Doch diese „Scham“ trifft beim Handy nicht zu. Wer schämt sich schon, im Tram Musik zu hören, ein bisschen Videos zu schauen? Wie viele Menschen merken überhaupt, dass sie süchtig sind und dass diese Handysucht nichts gutes ist? Ich würde behaupten, dass wohl viele den Verdacht haben, die wenigsten sich aber bewusst sind, wie schlimm es wirklich um sie steht.

Aber was ist denn so schlimm an diesem Gerät? Ist es nicht eine endlose Quelle der Information? Ich habe doch mit diesem kleinen Gerät innert kürzester Zeit Zugriff auf mehr Wissen, als es der mächtigste Mensch der Welt vor noch 100 Jahren hatte! Ich könnte mir innert weniger Monate eine neue Sprache aneignen, mir ein Wissen über Philosophie, Psychologie, Biologie usw. aneignen, dass demjenigen der gebildetsten Männer vor nur kurzer Zeit gleichkommt! Doch mache ich das? Wer benutzt sein Handy schon so? Niemand. Wir schauen uns Videos an wie Menschen gewöhnliche Dinge tun: Sie gehen ins Fitness, backen Keckse, singen, gehen auf Reisen. Alles belanglose Dinge, stumpfe, dumme Unterhaltung. Und in welcher Menge wir solche Videos anschauen! Stumpfe Unterhaltung ist nicht schlimm per se, aber wenn wir täglich mehrere Stunden lang dumme Videos konsumieren, dann zerfrisst und das von innen. Es ist wahr, du bist, was du konsumierst (vgl über Konsum und Produktion). Wenn wir täglich stundenlang belanglose Videoinhalte konsumieren, dann prägt uns das unbewusst mehr als uns lieb ist. Allen voran verlieren wir die Konzentration und unsere Aufmerksamkeitsspanne leidet so extrem, dass man sich schon beinahe denken könnte, ADHS sollte zur Volksdiagnose erklärt werden. Eine tägliche Bildschirmzeit von 4h bedeutet, dass man, wenn man 80 Jahre alt wird, ca. 20 Jahre seines Lebens am Handy vollbringt! Man stelle sich vor, wie man mit 80 Jahren auf dem Sterbebett liegt und sagt: „Ach, diese 20 Jahre Reels konsumieren waren schon ganz cool!“.

Aber wie kam es überhaupt zu dieser Sucht und wieso sind wir alle so anfällig darauf? Die riesigen, monopolischen Anbieter von Social Media wie Google, Tiktok und Facebook ringen – im Rennen um Profit – um unsere Aufmerksamkeit. Und sie betrügen uns beinahe, indem sie uns in eine Falle locken: Sie bieten uns schnelle Dopamin-Hits – d.h. eine schnelle Befriedigung unserer Bedürfnisse – an, immer und immer wieder. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der dafür zuständig ist, uns zu belohnen, wenn wir etwas erreicht haben. Dopamin fühlt sich eben gut an, weil es einen evolutionären Zweck erfüllt: Es soll uns motivieren, nach lustvollen Dingen zu streben, die das Überleben der Spezies vorantreiben (d.i. vor allem die Fortpflanzung). Doch für den Zweck von Reels schauen wurde Dopamin nicht geschaffen. Unser Belohnsystem wird gehackt, wir werden belohnt ohne etwas getan zu haben. Wie viele Millionen und Milliarden Menschen zu dieser Maschinerie beitragen, ohne sich bewusst zu sein, was sie hier wirklich tun! Dieser übermässige Konsum, der sich in eine pathalogische Sucht entwickelte, scheint kein Ende zu nehmen. Wir spüren bereits erste Symptome der Krise: Immer mehr junge Menschen sind depressiv, haben Konzentrationsschwierigkeiten, haben Mühe damit, einen Sinn in ihrem Leben zu finden. Ein weiteres Problem entstand durch die Handysucht: Was wäre schon, wenn das Handy plötzlich weg wäre oder Social Media verbannt wird? Was würde ich dann tun? Wir kennen keine Langweile mehr, wir wissen schon gar nicht, was wir mit unserer Zeit tun sollten! Lesen, in die Natur gehen, reflektieren, Sporttreiben, über grosse Fragen nachdenken – es sind alles Ausnahmeerscheinungen und beinahe Fremdwörter in unserer heutigen Gesellschaft. Wenn wir einen Handysüchtigen fragen, weshalb er so viel Zeit am Handy verbringt, dann wird er wie ein BWL-Student antworten auf die Frage, weshalb er BWL studiert: „Was sollte ich denn sonst tun?“.

Nun, nach der Diagnose stellt sich die Frage nach deren Heilung: Wie können wir uns von dieser Sucht befreien? Es gibt zum einen die individuelle Ebene, und zum anderen die gesellschaftliche, die beide miteinander verknüpft sind.

Erstens die individuelle Ebene. Wie befreie ich mich selbst von den Ketten der Handysucht? Ich könnte mir ein simples Handy mit limitierten Funktionen zutun. Doch merke ich schnell, dass ich auf einige Funktonen meines iPhones nicht verzichten kann: Whatsapp, das Internet, Spotify. Ich bin eben abhängig von diesen Apps, ich bin ein Sklave meines iPhones und Apple und Facebook sind die grössten Sklaventreiber aller Zeiten. Ein eingeschränktes Handy scheint mir also zu radikal. Der Weg muss also über die Selbstdisziplin gehen. Mein neues Ziel ist es, in der Woche durchschnittlich weniger als 2 Stunden Bildschirmzeit zu haben. Wie schaffe ich das? Vor allem muss ich mich von vielen Gewohnheiten befreien, die ich mir über Jahre lang unbewusst angeeignet habe: Musikhören wenn ich im Tram bin, Youtube-Videos schauen, wenn ich zu Hause bin (oder am Mittagessen), mein Handy ständig auf Nachrichten überprüfen. Erstens werde ich Youtube auf dem Handy blockieren und nur noch Videos auf meinem Laptop schauen. Da dort der Zugriff unmittelbarer ist, verspreche ich mir einen bewussteren Umgang mit Youtube. Zweitens werde ich eine Regel einführen, dass ich mein Handy draussen nie überprüfe, weder auf Nachrichten, noch sonst etwas. Drittens werde ich keine Musik mehr hören, wenn ich draussen bin, im Tram bin, oder am Lernen bin. Von diesen Massnahmen erwarte ich ca. 1h – 1.5h mehr freie Zeit. Diese Zeit wiederum möchte ich Nutzen, um zum einen mehr zu reflektieren, und zum anderen mehr zu lesen. In einigen Wochen möchte ich überprüfen, ob ich es geschafft habe, die Ketten lockerer zu machen und ein bisschen Freiheit zurückzugewinnen.