Der Archipel Gulag – Alexander Solchenizyn

Abstract:

Solchenizyns Buch ist geschrieben wie kein anderes. Es ist gleichzeitig historisches und literarisches Werk. Erzählt wird die Geschichte des Gulag Systems, in dem die Repressionen der Sowjetunion und vor allem Stalins jahrzentelang Ausdruck fanden. Solchenizyn beschreibt wie Menschen zu Hundertausenden, zu Millionen verurteilt wurde, manchmal aus banalen Gründen: Der Freund deiner Schwester äussert sich in einem Brief negativ über die Kommunistische Partei? Ihr alle drei erhält den Zehner (10 Jahre Gulag)! Es reicht, am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt zu sein, um jahrelang zu verschwinden. Aber auch völlig unschuldige Menschen werden mitgenommen, um die Statistiken zu füllen. Willkürlich werden Menschen vor Gericht zum Tod verurteilt, zu jahrzentelangen Haftstrafen unter unmenschlichen Bedingungen. Solchenizyn beschreibt eindrücklich wie der Appartus funktionierte, wie es sein konnte, dass sich kaum ein Mensch dagegen wehrte und liefert einige der schaudernsten Zitate die ich je gelesen habe. Das Buch sprengt den menschlichen Verstand und man kann sich kaum vorstellen, dass tatsächlich Millionen von Menschen verschwanden, ohne dass es je jemals wusste. Nach der Lektüre des Buches stellten sich mir vor allem zwei Fragen: 1) Welche Eigenschaft hat der Kommunismus/ Sozialismus, die solche starken Repressionen fördern? und 2) Wozu dient Geschichte bzw. Geschichtsschreibung überhaupt? (Da dieses Buch meiner Meinung nach ein Paradebeispiel ist, wofür Geschichtsschreibung dienen sollte).

Reflexion:

Solchenizyn beantwortet die Frage 1) selber und sagt: «Die Ideologie! Sie ist es, die der bösen Tat die gesuchte Rechtfertigung und dem Bösewicht die nötige zähe Härte gibt. Jene gesellschaftliche Theorie, die ihm hilft, seine Taten vor sich und vor den anderen reinzuwaschen, nicht Vorwürfe zu hören, nicht Verwünschungen, sondern Huldigungen und Lob. So stärkten sich die Inquisitoren am Christentum, die Eroberer an der Erhöhung der Heimat, die Kolonisatoren an der Zivilisation, die Nationalsozialisten an der Rasse, die Jakobiner (die früheren und die späteren) an der Gleichheit, an der Brüderlichkeit und am Glück der künftigen Generationen.“ (…) (S. 165)”. Mir scheint es also, dass nicht der Kommunismus per se schlecht ist, sondern dessen ideologischer Unterton: Wenn man glaubt, in Besitz der endgültigen Wahrheit zu sein – sei dies der Kommunismus, das Christentum, die Zivilisation, die Rasse, die Revolution (oder der Feminismus?) –  und nicht mehr bereit ist, seine grundsätzlichen Überzeugungen zu hinterfragen, auf niemanden mehr hört, dann wird es tatsächlich gefährlich; denn dadurch entsteht die Rechtfertigung für schreckliche Taten im Namen eines grösseren Ziels, wie sie in der Sowjetunion verübt wurden. Wichtig anzumerken ist hingegen, dass es ein weiter Weg ist von ideologischem Denken bis zu den schrecklichen Verbrechen des 20. Jahrhunderts. Dazu kommt eine Prise Verzweiflung, Naivität, Narzissmus, gepaart mit Unterwürfigkeit und Kaltblütigkeit.

Die Frage 2) ist schwerer zu beantworten. Dazu muss kurz auf die Publikationsgeschichte von Solchenizyns Buch eingegangen werden. Solchenizyn publizierte das Buch 1973. Bereits kurz nach der Publikation wurde das Buch in der Sowjetunion verboten. Im Westen hingegen wurde das Buch auf einen Schlag ein Verkaufsschlager. Plötzlich blickte der Westen hinter den propagandistischen Vorhang der Sowjetunion in die Abgründe der Menschlichkeit hinein. Der Kommunismus, der dazumals auch in der westlichen Welt – vor allem unter Intellektuellen – weiterhin Anreiz genoss, verlor von dem einen auf den anderen Tag seine Kennzeichnung als Hoffnung auf eine gerechtere Welt. Millionen von Menschen mussten eingestehen, dass sie getäuscht wurden und ihre ganze Ideologie überdenken. Solschenizyn brachte einen Stein ins Rollen, der 20 Jahre später dazu führte, dass die Sowjetunion – und damit die kommunistische Welt – zerbrach. Wenn heute Kommunisten auf abergläubige, ignorante Menschen abgeschrieben werden, die die Geschichte negieren, dann ist dies vor allem auf den Archipel Gulag zurückzuführen.

Schon oft habe ich mich selbst gefragt, wozu das Studium der Geschichte dient. Ich mag mich erinnern wie meine Professoren in Vorlesungen über Rom und die griechische Antike wiederholt sagten: «Dieses Buch müssen sie gelesen haben», «Es ist sehr wichtig, dass sie die kleisthenischen Reformen kennen», «dass sie wissen, weshalb Caesar den gallischen Krieg begann», welchen Einfluss die Kirchenlehrer auf das Christentum ausübten usw. usf. Doch weshalb? Wem sagen diese Dinge schon etwas, wenn nicht den Geschichtsstudenten und Hobbyhistoriker? Kommen alle Menschen nicht auch schon ohne solches Wissen aus? Ich wende mich nicht gegen ein Studium der Geschichte, doch denke ich, dass – zumindest in meinem Studium – deren Relevanz teils auch übertrieben wurde. Geschichte dient für mich grundsätzlich zweierlei: Erstens kann sie auf persönlicher Ebene dazu dienen, die Welt und sich selber zu verstehen. Wenn man weiss von wo man kommt, weiss man auch wer man ist, welche Prägungen man ausgesetzt wurde, und wie sich die Welt in Zukunft entwickelt. Bertrand Russell schrieb von «unnützem Wissen», dass schlicht zu der eigenen Befriedigung dient: Ich schätze ein Bild Jesu in einem Kunstmuseum mehr, wenn ich auch die Geschichte der Bibel kenne, so wie Menschen eine Pflanze mehr schätzen, wenn sie wissen, was für eine es ist. Zweitens sollte Geschichtsschreibung meiner Meinung nach vor allem dazu beitragen, dass wir uns moralisch als Menschen verbessern. Solchenizyns Buch ist in diesem Fall ein Vorzeigebeispiel. Bücher der Geschichte sollten so geschrieben werden, dass man etwas über die menschliche Natur, das menschliche Verhalten lehrt, dass man einsieht, dass die schlimmsten Verbrechen nicht weit weg sind – von normalen Menschen begangen wurden, von uns selbst begangen werden können! – und dass nur das Wissen, wie es so weit kommen kann, solche schrecklichen Dinge verhindern kann. Die allermeisten Geschichtsbücher und Forschungen dienen diesem ersten Zweck (kurz: der Unterhaltung), während nur wenige Bücher wie Solchenizyns Archipel Gulag so grossen Anklang finden; man wünschte sich, es wäre andersrum.

Zitate:

Selten musste ich von einem Buch so sehr lachen wie diesem. Solschenyizin versteht es, die Absurditäten mit Satire zu paaren; einige Beispiele sollten hier angeführt werden: Lustige (Anekdoten)

Annektote:

„Oder in Nowosibirsk, wo im Winter im kalten Waschraum nur kaltes Wasser aus den Hähnen fliesst, bis sich die Häftlinge dazu aufrappeln, nach der Obrigkeit zu rufen; ein Hauptmann kommt, lässt sich sogar herbei, die Hand unters Wasser zu halten: „Kalt soll das sein? Für mich ist es heiss – verstanden?!““ (S. 491)

Über die Absurdität von Zahlen

„So viele sind also erschossen – zuerst Tausende, dann Hunderttausende. Wir dividieren, multiplizieren, bedauern, verfluchen. Und doch sind es Zahlen. Sie frappieren, erschüttern, werden später vergessen. Aber wenn irgendwann einmal die Angehörigen der Erschossenen alle Fotografien ihrer Hingerichteten in einem Verlag zusammentrügen und der Verlag ein Fotoalbum daraus machte, mehrere Bände davon – dann könnten wir, Seite für Seite umblätternd, aus jedem letzten Blick in die verblichenen Augen sehr vieles für das uns verbliebene Leben gewinnen. Diese Lektüre, fast ohne Buchstaben, würde ewige Spuren in unsere Herzen graben.“ (S. 405) –> so wird auch Stalin folgendes Zitat zugeschrieben: „Der Tod eines Menschen ist eine Tragödie. Der Tod von Millionen eine Statistik.“

Über die menschliche Natur:

„Wenn es nur so einfach wäre! – dass irgendwo schwarze Menschen mit böser Absicht schwarze Werke vollbringen und es nur darauf ankäme, sie unter den übrigen zu erkennen und zu vernichten. Aber der Strich, der das Gute vom Bösen trennt, durchkreuzt das Herz eines jeden Menschen. Und wer mag von seinem Herzen ein Stück vernichten?“ (S. 160)

Über Ideologie:

„Die Ideologie! Sie ist es, die der bösen Tat die gesuchte Rechtfertigung und dem Bösewicht die nötige zähe Härte gibt. Jene gesellschaftliche Theorie, die ihm hilft, seine Taten vor sich und vor den anderen reinzuwaschen, nicht Vorwürfe zu hören, nicht Verwünschungen, sondern Huldigungen und Lob. So stärkten sich die Inquisitoren am Christentum, die Eroberer an der Erhöhung der Heimat, die Kolonisatoren an der Zivilisation, die Nationalsozialisten an der Rasse, die Jakobiner (die früheren und die späteren) an der Gleichheit, an der Brüderlichkeit und am Glück der künftigen Generationen.“ (…) (S. 165)