Wenn ich heute meine damaligen Notizen zu meinen Zielen anschaue bemerke ich eines: Immer schreibe ich von der ersten Person: Ich will haben, ich will sein usw.. Woher kommt denn überhaupt dieses Verlangen etwas zu erreichen?
Intuitiv scheint es mir auch nicht sinnvoll, nach den Dingen zu streben, die ich mir damals aufgeschrieben habe. Weshalb? Die Frage, die ich mir stellen muss, ist weshalb ich diese Ziele gesetzt habe? Was motiviert mich zu diesen Zielen? Was ist die treibgebende Kraft hinter diesen Zielen?
Im Vordergrund steht meiner Ansicht nach oft der unbewusste Wunsch, entweder von anderen gemocht zu werden, bzw. Ansehen zu erwerben oder einfach anderen zu gefallen. Zweiteres fällt mir auf, dass ich sehr ich-bezogen denke. Doch ist das bei der eigenen Zielsetzung nicht normal? Ich studiere Philosophie und strebe noch nach Ansehen?! Vielleicht hänge ich auch einfach noch mit einem Bein in meinem alten Leben und habe Angst davor, den nächsten Schritt zu gehen. Doch wie würde ein solcher denn aussehen?
Wie findet man heraus, welche Ziele sinnvoll sind, wonach man streben sollte? Dazu fällt mir eine Anektode ein, die ich, damit ich sie nie mehr vergesse, festhalten möchte: Mein Grossvater wurde am 1. Juni dieses Jahres 80 Jahre alt. Er lud seine engste Familie und einige seiner längsten Freunden in das Restaurant Bären ein, wo wir im ersten Stock einen eigenen Saal füllten. In einem Zimmer neben dem Saal hielt er schliesslich seine Ansprache zu seinem 80 Geburtstag. Er begann allen zu danken für ihr Erscheinen, bevor er auf eine kleine Tür im Zimmer zeigte und sagte: „Hier hinter dieser Tür erblickte ich vor 80 Jahren die Welt und weinte in dieser Kinderstube zusammen mit meinem Bruder, als wir …“ er brachte den Satz nicht fertig und brach in Tränen aus. In diesem Moment der Reflexion bemerkte er, dass es dies war: Nach einem Herzinfarkt und einem kleinen Schlaganfall nur kurz zuvor sah er hinter sich das Leben und vor sich den Tod. In diesem Moment, umgeben von seiner Familie, realisierte er: Das war es. Das waren meine 80 Jahre auf diesem Planeten. Ich sass direkt neben ihm und für einen winzigen Moment, den Bruchteil einer Sekunde, konnte ich mich in ihn hineinfühlen, wie ich mich noch nie zuvor in einen Menschen hineinfühlen konnte. Plötzlich sah ich mich selbst vor dem Tod und auf das Leben rückblickend. Und dann und dort – in diesem winzigen Augenblick – war alles plötzlich so klar wie noch nie: Ich wusste was wichtig ist im Leben und was belanglos. Ich hatte keine Hemmungen mehr, Leuten zu sagen ich liebe sie, mich um andere zu kümmern, ich hatte kein Bedürfnis mehr nach Anerkennung, nach Ruhm und Ehre! Oh welch Verschwendung wer nach solchen Dingen strebt! Doch diese Sekunde schwand schnell und obwohl ich noch einige Minuten danach – zurückgeworfen in meinen eigenen Geist – ein unwohles Gefühl empfand, erwischte ich mich selbst, wie meine eigenen Gedanken wieder Überhand gewannen und dieser Moment der Erleuchtung gänzlich verschwand. Der Tod ist ein unumgängliches Ereignis in unserem Leben und wohl das entscheidendste aller Ereignisse: Der Tod diktiert unser Leben. Doch heutzutage ist uns der Tod noch kaum präsent. Wir müssen, wie die alten Griechen, wieder über den Tod reflektieren, um mehr Leben zu gewinnen. Ich erinnere hierbei an das Buch von Tolstoj – Iwan Ilijtsch – der eine ähnliche Geschichte erzählte. Death is the single most importand event in life,- sagte auch Steve Jobs. Wie reflektiert man also über den Tod?
