Über Sprache

Es scheint eine geläufige Ansicht zu sein, dass Gedanken vor Sprache kommen: Wir denken und übersetzen unsere Gedanken in Worte, die wir mit Hilfe der Sprache unserem gegenüber äussern. Jeder kennt das Gefühl vom gegenüber nicht verstanden zu werden, weil die Sprache unzulässig ist, das wahre, eigene, innere Sein zu erfassen. Niemand kann wissen, wie ich mich fühle, egal wie präzis ich meine Gefühle meinem Gegenüber beschreiben kann. Die menschliche Intuition ist es, seine eigenen „inneren“ Gedanken als privat zu betrachten, die nur einem selbst zugänglich sind und die nur durch die Sprache zu anderen vermittelt werden können. Ludwig Wittgenstein stellt sich radikal gegen diese herkömmliche Auffassung, und behauptet, – indem er die Rolle der Sprache betont – dass es so etwas wie versteckte Gefühle und Empfindungen nicht geben kann. Doch wie kommt er darauf?

Zumindest der spätere Wittgenstein war wohl der Auffassung, dass Denken ohne Sprache möglich ist, jedoch nur in simplen Bildern oder beim körperlichen Problemlösen. Sobald man über komplexere Sachen nachdenken möchte, braucht es notwendig Sprache. Doch was nun ist Sprache und wie funktioniert sie? Die Sprache funktioniert wie ein Spiel, ein sogenanntes „Sprachspiel“: Genau wie in einem Schachspiel gibt es Figuren (Wörter), deren Bewegung an Regeln gebunden sind (die Grammatik). Ein Satz wie „Markus essen dort Fussball“ ist sinnlos, weil er die Regeln des Spiels bricht. Das bedeutet gleichzeitig, dass Sprache inhärent sozial ist: Die Sprache erhält nur Bedeutung wenn das Spiel mit anderen Menschen gespielt wird. Sowie man Schach lernt, indem man lernt, wie die Figuren bewegt werden können, lernen wir die Sprache, indem wir lernen, wie die Wörter in dem System verwendet werden. Anders als die referentielle Theorie, die behauptet, dass die Bedeutung von Wörtern das Objekt ist, dass in der materiellen Welt referiert wird, sagt Wittgenstein: Die Bedeutung eines Begriffs ist sein Gebrauch in der Sprache. So gibt es viele Wörter, für die es schon gar kein Objekt in der Welt gibt: Liebe, Geist, Seele usw. Gleichzeitig heisst das nicht, dass es Wörter gibt, die sich auf einen materiellen Gegenstand in der Welt beziehen, wie z.B. „Stuhl“. Vielmehr ist es wichtig, sich nicht durch die Sprache verwirren zu lassen: Nur weil „Geist“ ebenfalls wie „Stuhl“ ein Substantiv ist, heisst das noch nicht, dass der Geist etwas ist, etwas inneres oder äusseres. Durch diese Sprachverwirrung entstehen nach Wittgenstein etliche philosophische Pseudoprobleme.

Oft beobachtet man in akademischen Schriften, wie Historiker, Psychologen, Soziologen und Philosophen versucht sind, Begriffe genau zu definieren, indem sie beispielsweise auf deren Etymologie hinweisen: konsumieren kommt von lat. consumere = verbrauchen: Das heisst, dass die Bedeutung von konsumieren verbrauchen ist. Doch das ist ein Trugschluss! Die Etymologie von entschuldigen impliziert, dass wir uns, wenn wir sagen „Ich ent-schuldige mich“ sagen, dass wir eben nicht schuldig sind! Doch so gebrauchen wir dieses Wort eben in dem heutigen Sprachgebrauch nicht mehr! Das Wort hat einen Bedeutungsverschiebung hinter sich. Wenn man heute herausfinden will, was ein bestimmter Begriff bedeutet, muss man nicht nachschauen, was er vor hunderten von Jahren auf lateinisch bedeutete, sondern man muss vielmehr auf die Strasse gehen und sich umhören, wie der Begriff gebraucht wird. Denn Sprache erhält nur Bedeutung im sozialen Austausch und nicht alleine vor dem Schreibtisch (vgl. dazu auch Wittgensteins Privatsprachenargument). Vor diesem Hintergrund wäre es auch interessant die heutige allpräsente Frage zu untersuchen „Was ist eine „Frau“ (What is a Woman)?

Auf diese Frage erhält man aus zwei politischen Lagern jeweils zwei verschiedene Antworten: Die Rechten sagen, eine Frau ist ein Mensch mit XY-Chromosomen und definieren den Begriff damit mit seinen Eigenschaften (Intension). Die Linken aber sagen, dass eine Frau ist, wer sich als Frau identifiziert. Mit einem Hinweis auf die Zirkeldefinition lachen sich die Rechten dann ins Fäustchen auf diese Naivität. Verweist der Begriff „Frau“ also auf etwas, wie es „Stuhl“ tut, oder ist er vielmehr ein Konzept, wie „Seele“ oder „Geist“? In erster Linie scheint es tatsächlich so, dass wir mit „Frau“ ein etwas in der materiellen Welt bezeichnen möchten. Wie finden wir nun also die Bedeutung dieses „etwas“ heraus? Wir schauen nach, wie der Begriff gebraucht wird! Vor 10 Jahren wäre noch klar, dass der Begriff „Frau“ so gebraucht wird, dass wir alle Menschen mit XY-Chromosomen als Frau bezeichneten und wir so den Begriff abgrenzten. Doch heute gibt es scheinbar Menschen, die bemüht sind, dem Begriff eine Extension zu geben: Den Begriff „Frau“ gebrauchen sie so, dass alle, die sich diesem zugehörig fühlen, diesen auch erhalten. Zugegeben scheint es ein wenig merkwürdig, dass man sich künstlich nach Gefühl einen Begriff zuschreiben kann. Doch der entscheidende Punkt ist, dass dies möglich ist: Wenn ein Grossteil der Gesellschaft akzeptiert, dass wir den Begriff nun so gebrauchen wollen, dann wird sich die Bedeutung des Begriffs entsprechend auch verändern. Schwierig ist lediglich, dass sich solche Bedeutungsveränderung fast immer unbewusst und vor allem ohne Zwang ergeben; was bei diesem Begriff freilich nicht gegeben ist. Eine weitere Frage, die sich stellt ist, ab wie viel Akzeptanz in der Gesellschaft die Bedeutung eines Begriffs festgelegt ist? D.h. wie viele Menschen müssen zustimmen, dass die Bedeutung sich wandelt? Kurz: Wenn nach Wittgenstein die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache ist, wer legt dann den Gebrauch der Sprache fest? Schwer zu beantworten, doch feststeht, dass sich die Bedeutung von Begriffen – wie dieser der „Frau“ – definitiv verändern können, sobald der Begriff anders gebraucht wird. Wörter haben keine starre, isolierte Bedeutung, sondern vielmehr eine dynamsiche, sich nach dem Gebrauch veränderte Bedeutung.

Wie erfinde ich ein Wort?

Oft schon habe ich mich gefragt, ob ich selbst ein Wort erfinden könnte. Schliesslich werden ständig von Philosophen oder Wissenschaftler neue Wörter eingeführt, meist in Anlehnung an einen alten lateinischen oder griechischen Begriff oder indem zwei Begriffe miteinander verschmolzen werden. Was muss also passieren, damit man ein neues Wort erfindet? Ich stelle mir also vor, wie ich ein neues Wort erfinde: Von nun an, werde ich