Aufzeichnungen aus dem Kellerloch – Dostojewski

Abstract

„Ich bin ein kranker Mensch… Ich bin ein böser Mensch. Ein abstossender Mensch bin ich.“ – So beginnt die Kurzgeschichte Dostojewskis über einen unbenannten Protagonisten, der nach einem kleinen Erbe früh in Rente von seinem Beamtenjob geht und verarmt in einer Art Keller wohnt. Im ersten Teil des Buchs präsentiert der Protagonist seine Weltansicht, während im zweiten Teil eine kurzes Erlebnis des Protagonisten präsentiert wird. Seine Weltanschau präsentiert er wie folgt: Er schreibt vor dem Hintergrund des Rationalismus, die Ansicht, dass der Mensch ein durch und durch rationales Wesen ist und die Fähigkeit besitzt (stets) rational zu handeln. Der Protagonist wehrt sich erheblich gegen diese Auffassung und zeigt auf, dass der Mensch, solange er Mensch ist, absichtlich und willentlich irrational handeln wird, solange er lebt. Der Protagonist glaubt, dass der Mensch dies tut, um sich zu beweisen, dass er einen freien Willen hat. Es scheint eine Ansicht des Rationalismus gewesen zu sein, dass der Mensch nichts als eine Klaviertaste ist, dass sein ganzes Leben vorbestimmt ist und er eigentlich nichts zu entscheiden hat. Dostojewski schreibt „Gerade seine phantastischen Gedanken, seine trivialste Dummheit wird er sich erhalten wollen, einzig, um sich selbst zu bestätigen, dass die Menschen immer noch Menschen und nicht Klaviertasten sind (…)“. Dostojewski schreibt in gewisser Weise, wie unmöglich es ist, zu verstehen, dass der Mensch keinen freien Willen hat. Egal welche Beweise man dem Mensch vorliegt, dass er keinen freien Willen hat, er wird es nie einsehen. „Ich glaube daran, ich bürge dafür, denn genaugenommen scheint das ganze Anliegen des Menschen tatsächlich bloss darin zu bestehen, dass der Mensch sich immerfort beweist, er sei ein Mensch und kein Stiftchen!“ Er schreibt eine Psychologie des Selbstzerstörerischen und des irrationalen Handelns.

Die Psychologie des Selbstzerstörerischen

Was ist es, dass einen Menschen dazu treibt, selbstzerstörerisch zu handeln? Wieso möchte man sich selber Schaden zufügen? Eine erste Erklärung, die mir in den Sinn kommen würde ist, dass man sich selber Schaden zufügt, um überhaupt etwas zu fühlen. Wenn man über einen längeren Zeitraum kaum noch Empfindungen fühlt oder aber eben auch keine „extremen“ Gefühlsschwankungen, dann breitet sich ein Gefühl der Gleichgültigkeit oder Taubheit aus. Ein solcher ernüchternder Zustand kann dazu führen, dass man sich selbst kaum noch wahrnimmt, man „fühlt“ sich selbst nicht mehr. In einem solchen (depressiven) Zustand sehnt man sich nach einer extremen Empfindung – eine, die aufzeigt, dass man selbst noch fühlt, dass man selbst noch existiert oder – wie Dostojewski schreibt – dass man eben noch ein Mensch ist. Eine positive, glückliche Empfindung ist in einem solchen Zustand der Ernüchterung schwer zu erreichen, deshalb greifen Menschen zu der umgekehrten „extremen“ Empfindung um: Sie wollen sich selber Schaden zufügen, um einfach wieder etwas zu fühlen. Diesem scheinbar irrationalen Handeln liegt ein zutiefst unsicheres Ego zu Grunde: Man spürt sich selber nicht mehr und will einfach irgendwie, egal wie, wieder etwas lebendiges spüren. Dostojewskis Protagonist freut sich beinahe, wenn er von seinen Beamtenkollegen erniedrigt wird, einfach nur, weil er immerhin von ihnen als Mensch anerkannt wird. Ich kenne viele Menschen, die selbstzerstörerischen Handlungen nachgingen, so denke ich kann wohl teils auch der exzessive Konsum von Alkohol oder Drogen dazu gezählt werden. In den meisten Fällen sind sich die Menschen wohl ihrer Lage kaum bewusst, sie wissen nicht wie es um sie steht, sondern handeln in ihrer fehlenden Selbstwahrnehmung beinahe automatisch, ohne zu überlegen. Ich mag mich auch noch lose daran erinnern wie Viktor Frankl in seiner Zeit über Auschwitz schrieb, dass er einmal von einem Wärter nicht einmal richtig bestraft wurde als er eine Essensration klaute, nicht aus Gutmütigkeit, sondern weil der Wärter diese Häftlinge als Tiere ansah, die ohnehin gleich sterben würden. Frankl schriebt, dass er zutiefst beleidigt war davon, und hätte sich gewünscht, dass er bestraft werden würde, einfach nur dass er die Anerkennung hatte, dass er noch ein Mensch ist.

Als ich Dostojewskis Aufzeichnungen zum ersten Mal las, las ich, wie der Protagonist ein ganzes Kapitel lang darüber nachdachte, wieso es immer genau er ist, der einer gerade entgegen kommenden Person ausweicht und nicht die andere Person. Er nimmt sich über mehrere Tage vor, das nächste Mal nicht auszuweichen, steigert sich bis ins unendliche in diese Idee hinein und als er, nachdem das Vorhaben mehrere Male scheiterte, endlich in die andere Person hineinlief, bemerkte diese ihn kaum und lief einfach weiter. Dostojewski zeigt in dieser Episode, was passiert, wenn man alles durchdenkt, wenn man beinahe zu rational ist: Man wird von den Menschen nicht mehr verstanden und vergisst zu leben. Der Protagonist durchdenkt jedes kleinste Detail seiner Begegnungen und steigert sich in diese bis ins unermessliche. Nachdem ich diese ca. 30 Seiten gelesen hatte wusste ich, dass ich alles von Dostojewskis lesen musste. Dostojewski liest einem direkt aus der Seele und bringt es fertig, Gedanken auf Papier zu bringen, für die ich noch nicht einmal die Worte finden konnte. Ich musss so auch gestehen, dass ich mich mit diesem Menschen identifizieren konnte. In den Aufzeichnungen schreibt er über einen Mensch, der völlig absichtlich ein abscheuliches Leben lebt, der von allen als scheußlich betrachtet wird, der in einem Keller wohnt, aber der nichtsdestotrotz etwas zutiefst verständnisvolles an sich hat. Die Ideologie des Protagonisten kann in fünf Punkten zusammengefasst werden:

  • Denken statt Handeln

Der Protagonist ist rationalistisch-nihilistisch, er teilt Menschen in zwei Kategorien ein: Diejenigen, die denken, und diejenigen, die handeln. Er zählt sich zu der ersten Kategorie und sagt sich jedesmal, er wird das nächste Mal entsprechend nach seiner gut durchdachten Idee handeln, obwohl er genau weiss, dass er es nicht tun wird.

  • Nihilsmus und kein freier Wille

In seiner nihilistischen Ansicht glaubt er nicht, irgendeinem Menschen irgendetwas schulden zu müssen. Wann immer er konnte, handelte er so, dass er Menschen zum leiden brachte. Während dies in erster Linie negative Auswirkungen auf andere Menschen hat, hat dieses Verhalten vor allem auch negative Auswirkungen auf ihn selbst: Er entfremdet sich von allen Menschen und verliert jeglichen Selbstrespekt. Interessanterweise steht der Protagonist in diesem Aspekt im exakten Gegensatz zu Prinz Myschkin aus Dostojewskis Roman „Der Idiot“. Dieser sieht in jedem Mensch nur das gute, ist eher naiv und will alle Menschen verstehen und ihnen nur gutes tun.

  • Feigheit

Der Protagonist umgeht jede mögliche Herausforderung die es nur gibt. Er hat (wohl) grosse Angst vor dem Versagen. Er stellt sich zwar in seinem Kopf genau vor, wie er eine Herausforderung annimmt und wie er sie meistern wird, doch bei dem kleinsten Hindernis zieht er bereits zurück. Er ist ein feiger Mensch und wächst so nie über sich selber.

  • Verantwortungslosigkeit

Er sieht sich für nichts verantwortlich. All sein Leiden führt er auf die Zustände der Welt zurück, auf die Naturgesetze oder andere Menschen.

  • Intellektuelle Arroganz

Er glaubt, viel intelligenter als andere Menschen zu sein. Obwohl andere Menschen „erfolgreicher“ sind in materieller oder sozialer Hinsicht, sind sie alle nicht so belesen oder intelligent wie er: Wann immer er sich schämt für seine Umstände kann er sich sagen, dass die anderen Menschen nicht so intelligent sind wie er.

Das kurze Buch hatte immensen Einfluss und wird oft als einer der ersten existentialistischen Romane gezählt. Nietzsche erwähnt, dass Dostojewski der einzige Psychologe ist, von dem er etwas lernen könne. Martin Scorsese erwähnt interessanterweise das Buch als einen Einfluss auf seinen Kultfilm „Taxi Driver“.

Über Leiden

Nach der erneuten Lektüre von Dostojewskis Aufzeichnungen aus dem Kellerloch möchte ich über den Sinn von Leiden reflektieren. Ich muss gestehen, dass ich teils ähnliche Empfindungen fühle wie der „Underground man“ Dostojewskis. Zwar führen diese Empfindungen – denke ich – nicht zu selbstzerstörerischem Handeln (wohl weil ich zu feige bin), haben jedoch aber den gleichen Ursprung. Oft ertappe ich mich, wie ich eine gleichgültige Haltung einnehme; ich fühle in meinem Leben keine grosse „Up“ und „Downs“ – es scheint sich, vor allem in letzter Zeit, stetig und gleichsam zu entwickeln – ohne, und das ist das Entscheidende, dass ich grosse Gefühlsschwankungen habe.

Wenn ich jeweils am Morgen um 8.30 Uhr ins Büro gehe, kommt mir jeweils die indische Putzfrau entgegen, die gerade ihre Putzschicht beendet hatte, lächelt mich freundlich an und sagt „Guten Morgen“. Manchmal überwältigt mich dann ein Gefühl von Scham: Ich denke mir, welch ein schweres Leben diese Frau wohl hatte. Sie muss wohl aus ärmlichen Verhältnissen in Indien stammen und in die Schweiz ausgewandert sein für ein besseres Leben. Nun kann sie für wohl einen Mindestlohn WC’s bei der KPMG putzen, um geradeeben ihre Familie über Wasser zu halten. Und dann kommt ihr ein junger Mensch entgegen, ich: Noch nie eine Sorge im Leben, geboren unter grösstem Luxus, die Welt steht ihm offen – von Geburt an besser gestellt als sie! Die Welt ist ungerecht, keine Frage.

Ich denke über mein Leben nach und sehe, dass ich noch nie wirklich gelitten habe. Ich habe nicht eine Sorge im Leben, ich wurde noch nie vom Leben getestet, alles in meinem Leben läuft perfekt. Und doch ertappe ich mich immer wieder, dass ich nicht zufrieden bin. Und das obwohl ich weiss, dass ich besser gestellt bin als 99.9% der Menschen. Aber was soll das schon heissen? Ich habe sogut wie nichts zu dieser Stellung beigetragen, nein, mir wurde alles in die Wiege gelegt. Ich beneide teils nicht die Menschen, die noch besser gestellt sind wie ich, die 0.01%, nein! Vielmehr wünschte ich mir manchmal, dass ich das erlebe, dass die 99.9% erleben. Manchmal spüre ich ein Gefühl der Ernüchternheit in meinem Leben. Ich ertappe mich, wie ich mir wünsche, dass etwas schlimmes in meinem Leben passiert, einfach damit ich sehen kann, wie ich damit umgehen kann, damit ich etwas lernen kann und – vor allem – damit ich das Leben wieder mehr zu schätzen lerne. Wenn es einem Menschen so lange so gut geht, beginnt er sich tatsächlich etwas irrationales zu wünschen – Dostojewski hatte Recht, wir sind vor allem ein irrationales Wesen. Ich sehne mich nach einer intensiveren Lebenswahrnehmung. Ich sehne mich nach Leiden. 1) Was ist Leiden? 2) Und was ist der Sinn vom Leiden? 3) Müssen wir Leiden? 4) Ist ein Leben ohne Leiden ein sinnloses?

Leid. Leid scheint mir ein Begriff zu sein, der grundsätzlich Belastung bezeichnet, sowohl körperliche, wie auch psychische. Verursacher von Leid können meines Erachtens unzählige Sachen sein: Materielle Zustände, körperliche (gesundheitliche) Belastungen und psychische Belastungen. So leidet man wohl, wenn man arm ist, wenn man körperlich nicht gesund ist, und wenn man (dass kann auch aus den diesen beiden Verursacher stammen) psychisch erkrankt ist.

PrimärursacheSekundäre UrsachePsychische Wirkung
Materielle ZuständeEinengung der Freiheit Leid in Form von Depression
Gesundheitlicher SchadenEinengung der Freiheit, körperliche SchmerzenLeid in Form von Depression
Komplett psychisches LeidLiebeskummer, Unzufriedenheit, SinnlosigkeitLeid in Form von Depression

Die ersten beiden Primärursachen sind dabei meiner Meinung nach die schwerwiegendsten und damit auch jene, über die man selbst am wenigsten Kontrolle hat, da sie von anderen, äusserlichen Faktoren abhängen. Das „komplett psychische Leid“ hingegen ist weitgehend selbst kontrollierbar, da es auch grösstenteils Selbstverschuldung stammt (und der menschlichen Natur).

Zitate:

„In den Erinnerungen jedes Menschen gibt es Dinge, die er nicht allen mitteilt, höchsten seinen Freunden. Aber es gibt auch Dinge, die er nicht einmal den Freunden gesteht, höchsten sich selbst und auch das nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Schliesslich gibt es auch solche Dinge, die der Mensch sogar sich selbst zu gesehen fürchtet, und solche Dinge sammeln sich bei jedem anständigen Menschen in ziemlicher Menge an.“ (S. 45)

„der Mensch liebt es, nur sein Unglück zu beachten, sein Glück aber zu übersehen.“ (S. 104)