Die Brüder Karamasow – Dostojewski

Abstract

Dostojewskis Meisterwerk dreht sich um die drei (vermeintlich vier) Brüder Karamasow. Vernachlässigt von ihrem hedonistischen, egoistischen Vater Fijodor entwickeln sie gänzlich verschiedene Lebenseinstellungen. Dimitry (Fühlen) steht ebenfalls für einen leidenschaftlichen, impulsiven, hedonistischen Lebensstil. Iwan (Denken) steht für den intellektuellen Rationalist, der durch die Aufklärung beeinflusst, sein Weltbild nur auf Beweisen aufbaut und stets skeptisch Dinge hinterfrägt. Aljoscha (Glauben) dagegen – der eigentliche Protagonist des Romans – kommt einem Heiligen nahe: Er lebt in einem Kloster, wäre fast selbst Mönch geworden. Er sagt immer die Wahrheit, wirkt teils beinahe naiv, sieht in allen Menschen nur das Gute und will jeden verstehen (in dieser Hinsicht hat er starke Ähnlichkeit mit Prinz Myschkin aus der Idiot). Auf den ersten Anblick geht es in dem Roman um den vermeintlichen Vatermord den Dimitry ausführt und den Justizirrtum, der am Ende aufgedeckt wird. Zudem wird der Kriminalroman durch etliche Nebengeschichten, die Liebesbeziehungen und Tragödien beinhalten, erweitert. Auf den zweiten Blick geht es in diesem Roman jedoch vor allem um Fragen der Moral, des Glaubens und des freien Willens. Gibt es Gott? Und wenn nein, was wird dann mit der Moral? Hat der Mensch einen freien Willen und was passiert mit der moralischen Schuld, wenn dem nicht so ist? Schlussendlich dreht es sich darum, was ein gutes Leben und einen guten Menschen ausmacht. In seiner peniblen Beschreibung des menschlichen Charakters mit all seinen Widersprüchen hat Dostojewski es vollbracht, so tief in die menschliche Seele und Natur zu sehen, wie noch kaum einer vor ihm.

Der Grossinquisitor

Die berühmteste Stelle des Romans ist „Der Grossinquisitor“. Ivan erzählt diese fiktive Geschichte Aljoscha bei einem Essen in einem Restaurant, um zu erklären, weshalb er Gott und das Christentum ablehnt. In der Geschichte tritt Jesus in Sevilla des 15. Jahrhunderts auf: Er vollbringt Wunder, heilt Menschen und alle erkennen sofort, dass Er es ist. Der Grossinquisitor erfährt davon, dass er zurückgekehrt ist und lässt ihn sofort festnehmen und ins Gefängnis bringen. Dort beginnt er in einem langen Monolog, ihm zu erklären, weshalb er kein Recht auf Rückkehr hat. Der Grossinquisitor wirft Jesus vor, die menschliche Natur falsch verstanden zu haben. Jesus versprach den Menschen Freiheit (the truth will set you free). Freiheit sollte das Ideal sein, nach Freiheit strebt jeder Mensch. Noch heute scheint dies eine geläufige Ansicht zu sein: Wollen wir denn nicht alle gerne frei sein? Viel Geld verdienen, damit wir frei entscheiden können, was wir tun? Einmal alleine in der Natur leben – frei – so ohne irgendeine Sorge? Der Grossinquisitor widerspricht. Die Freiheit – der freie Wille – den Jesus versprach, ist das Schlimmste für den Menschen: „nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als Freiheit!“ (S. 377) und „Hast du vergessen, dass Ruhe und sogar Tod dem Menschen lieber sind als freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Nichts ist für den Menschen verführerischer als die Freiheit seines Gewissens, aber nichts auch qualvoller.“ (S. 380). Statt Freiheit sehnt sich der Mensch vielmehr nach Sicherheit. Der Grossinquisitor wirft Jesus vor, dass er während seinen Versuchungen des Teufels in der Wüste abgelehnt hatte, den Menschen für immer Sicherheit zu geben: Jesus lehnte die Versuchung ab, Steine in Brot umzuwandeln. Die katholische Kirche und der Grossinquisitor haben dafür gesorgt, dass die Menschen diese Sicherheit erfahren. Sie haben es vollbracht, die ursprüngliche Lehre Christus so zu verändern, dass die Menschen genau wissen können, was gut und schlecht ist, ohne dass sie sich frei dafür entscheiden müssen. Sie haben den Menschen eine genaue Anleitung zum guten Leben gegeben und dies mit strikter Autorität durchgeführt, denn dies ist nötig: Der Mensch braucht eine Anleitung, der Mensch braucht Sicherheit, er will zwar Freiheit, aber auch nicht absolute Freiheit. Nachdem sich der Grossinquisitor in Rage redete steht Jesus auf, geht auf den Grossinquisitor zu, küsst ihn und läuft aus dem Gefängnis hinaus. Seine Antwort: Liebe.

Freier Wille und moralische Schuld

Wie in allen Romanen Dostojewskis ist die Frage nach dem freien Willen eine, die alle seine Charaktere durchdringt. Dostojewski bringt es fertig, die Handlungen, Gedanken, Emotionen und vor allem die Herkunft derselben so genau zu beschreiben, dass man tatsächlich denken könnte, dass die Charaktere jeweils nicht anders handeln hätten können, als sie es eben taten. Selbst in der Verteidigung Mitjas wird darauf Bezug genommen. Er wurde erzogen von einem schrecklichen Vater, der ihn peinigte, ihn nicht liebte, wie konnte er ihn da nicht hassen? Selbst als Erwachsener will er ihn weiter peinigen, indem er dessen Geliebte ausschaut. Schliesslich soll Mitja im Affekt gehandelt haben oder er war gar geistesgestört. Kann einem solchen Menschen, der solches erfahren hat, tatsächlich eine moralische Schuld zugeschrieben werden? Was kann er dafür, dass er so aufgewachsen ist, wie er eben aufgewachsen wird? Wenn es keinen freien Willen gibt, gibt es auch keine moralische Schuld. Eine ähnliche Sichtweise hat Iwan Karamasow: Wenn es kein Gott gibt, und keine Unsterblichkeit, dann ist alles erlaubt. Er ist von dieser rationalen Einsicht überzogen und bringt sie dem Diener (und Halbbruder) Smerdjakov bei. Dieser übernimmt diese Einsicht so stark, dass er selbst überzeugt ist, dass er den Mord an den Vater begehen kann: Schliesslich hat sein Vorbild Iwan selbst gesagt, dass er diesen hasst und dass alles erlaubt sei. Und so kommt es auch: Smerdjakov ermordert den Vater Fijodor. Ein starker Gegensatz zu der Ansicht Iwans bietet der Starez Sossima. Der heilige Mönch ist der Ansicht, dass alle für alle schuldig sind und jeder für jeden. Denn indem man böses streut, entsteht böses in anderen. Wenn man einen freien Willen hat, kann man Menschen immer gut behandeln. Und wer Menschen gut behandelt, säht gutes. Das Böse kommt nicht von irgendwoher: Es wird durch die Menschen gesäht. Jeder böse Mensch wurde einst durch einen anderen dazu angestiftet, böses zu tun. Und obwohl Iwan der rationalen Überzeugung ist, dass „alles erlaubt“ sei, glaubt er dies selbst nicht wirklich, wie in seinem Traum mit dem Teufel klar wird. Tief in sich spürt er, dass gewisse Dinge nicht erlaubt sind: Man darf nicht töten, nur schon das eigene Gewissen wehrt sich vehement dagegen und wird einem nicht verzeihen. Und schliesslich sieht er selbst ein, dass er böse Gedanken gesäht hat, die zu Smerdjakovs Mord an den Vater geführt haben. Seine innere Zerrissenheit und das Gefühl der moralischen Mitschuld führt schliesslich soweit, dass er in einem Nervenfieber todkrank im Bett liegt.

Selbstreflexion

Dostojewskis Idee zur Freiheit hat mich beeindruckt. Wenn man sich wirklich in den Sinn ruft, was Freiheit ist, merkt man tatsächlich, dass diese extrem schwer zu ertragen ist. Freie Entscheidungen treffen, frei zu denken? Das bedeutet extreme Anstrengungen und Unsicherheit. Oft merke ich selbst, wie schwer es ist, nur schon eine freie Entscheidung zu treffen: Die Welt steht mir offen, ich kann machen, was ich will, doch ich leide an dieser freien Möglichkeit: Jeder Schritt könnte falsch sein, ich muss jede Möglichkeit zutiefst abwägen, damit ich ja keine falsche Entscheidung treffe. Da denke ich tatsächlich, dass zumindest in diesem Hinblick das Leben früher besser war: Da hat man eben einfach bspw. diesen Beruf erlernt, den bereits der Vater ausübte. Und kaum jemand beschwerte sich. Es war eben einfach so. Neben der freien Entscheidung ist vor allem aber auch das freie Denken zu benennen: Frei zu denken, was ist schon schwieriger und anstrengender als das? Frei zu denken bedeutet ständig seine Annahmen zu hinterfragen, sich bewusst werden, woher sie kommen. Frei denken ist anstrengend und erfordert Mut, wie auch Kant aufzeigte. Nein, viel leichter ist es, vorgefertigte Aussagen, Annahmen und Überzeugungen zu übernehmen. Und wir dürfen uns nichts vormachen: Wir alle tuen es. Sowohl die politisch Linken als auch die Rechten. Ich bin überzeugt, dass wir nicht vollumfänglich frei sein wollen, sondern uns nur in einem gewissen – sicheren – Rahmen frei bewegen möchte. Wir möchten gewissermassen den Anschein oder die Illusion von Freiheit, aber wir wollen keine absolute, wirkliche Freiheit, denn diese ist tatsächlich nicht zu ertragen. So hat der Grossinquisitor vielleicht tatsächlich recht, dass wir Autorität brauchen, die uns in unserer Freiheit einschränkt und uns im Gegenzug Sicherheit gewährt. Denn auch die Idee der Moral funktioniert nur in diesem Rahmen: Solange wir eine materielle Sicherheit haben (die von einer Autorität gesichert wurde) können wir moralischen Ideen wie denjenigen des Christentums folgen. Denn nur dann können wir uns darüber Gedanken machen, was gut und schlecht ist. Was würde schon passieren, wenn keine materielle Sicherheit mehr besteht (und dafür absolute Freiheit)? Die Menschen würden ohne Frage mit einem Augenzwinkern ihre moralischen Ideen über Bord werfen und würden – mit ihrem freien Willen – tun was sie möchten! In einem solchen Moment nimmt der wichtigste Instinkt der Evolution Überhand, nämlich der Überlebensinstinkt. Menschen würden andere Menschen essen, wenn es darauf ankomme, zu überleben. Ein Raubtier ist das andere, wie Iwan Karamasow sagt. Ohne materielle Sicherheit, ohne einen bestimmten sicheren Rahmen, der den Menschen den Anschein der Freiheit gibt, würden wir Menschen ins Chaos stürzen.