Abstract:
Wie abscheulich ein KZ doch ist. Primo Levi überlebte Auschwitz und schrieb detailgetreu und sachlich über den Alltag im Konzentrationslager. Unmenschliche Bedingungen, sadistische SS-Männer, Tod und Leid sind prägen den Alltag in den Vernichtungslager. Anders als Viktor Frankl schreibt Primo Levi nicht viel über die „Psychologie“ der Konzentrationslager. Vielmehr wird klar, wie man das Lager wirklich überleben konnte: Durch den puren Zufall. Levi hatte erst Glück, dass er von der Rampe nicht direkt ins Gas geschickt wurde, sondern zur Sklavenarbeit gezwungen wurde. Weiter hatte er Glück, dass er eine Selektion scheinbar durch puren Zufall umgeht: Weil sein Zettel vertauscht wurde. Dann tritt der harte, kalte Winter ein, der unzählige Menschenleben fordert und Levi wird als einer von dreien ausgesucht um in einem Labor mitzuhelfen – weil er Chemie studiert hatte. Kurz vor der Evakuation zwingen die SS-Männer alle, die gehen können auf die sogenannten „Todesmärsche“: die allermeisten Häftlinge sterben daran. Im Lager bleiben nur die Kranken, die nicht gehen können. Einer davon: Primo Levi. Er hat sich exakt zum richtigen Zeitpunkt das Typhus-Fieber eingeholt. So überlebte Primo Levi, um diese wichtige Geschichte zu erzählen.
Kaum Platz für Moral und Mitleid im Kampf ums Überleben:
Was in Levis Buch klar wird: Die Nazis haben ein System geschafft, indem man sich nichtmehr als Mensch fühlt. So werden dann selbst unter den Insassen Moral und Mitleidsgefühle zu Ausnahmeerscheinungen. Solidarität ist nur dann gefragt, wenn sie einem selbst nicht schadet. Nur selten erlebt Levi kurze Lichtblicke vom „menschlichen“, von Menschen, die anderen helfen. Hier zeigt sich, was schon andere vermuteten: Moral braucht ein materielles Fundament. Solange der Mensch selbst nicht seine Existenzgrundlage hat, solange er nicht materiell gesichert ist, wird er niemandem helfen und kein Platz für Mitleid finden. Levi schreibt selbst, dass in Auschwitz das ungeschriebene Gesetz gilt, dass man sein Brot – solange man kann – selbst aufessen sollte (und nicht teilen wie es Jesus tat). Der Mensch ist in erster Linie Egoist, und erst dann erhält er die Möglichkeit, altruistisch zu handeln.
Zitate:
„In der Geschichte wie im Leben scheint bisweilen ein grausames Gesetz erkennbar zu sein, das heisst: Wer da hat, dem wird gegeben, wer aber nicht hat, dem wird alles genommen.“ (S. 85)
„Nun möge der Leser darüber nachdenken, was für eine Bedeutung unsere Worte „gut“ und „böse“ oder „Recht“ und „Unrecht“ im Lager haben konnten; auf Grund des Bildes, das wir vermittelt, und auf Grund der Beispiele, die wir angeführt, ermesse nun ein jeder, was alles von der Moral unserer Welt diesseits des Stacheldrahtes noch Bestand haben konnte.“ (S. 83)
(…) Handelt es sich doch weniger um die menschliche Unfähigkeit, einen Zustand vollkommenen Glücks zu erreichen, als vielmehr um das stets unzulängliche Wissen von der Vielschichtigkeit der Natur des Unglücks. Darum gibt man seinen zahlreichen und hierarchisch angeordneten Ursachen nur einen einzigen Namen, den der grössten Ursache. Bis diese vielleicht einmal fortfällt. Und dann ist man schmerzlich erstaunt, wenn man merkt, dass dahinter noch eine andere steht, in Wahrheit eine Kette von anderen.“ (S. 71)

