Lob der Faulheit

Bertrand Russell war einer der bekanntesten und einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Er schrieb unzählige Bücher, gewann dafür den Nobelpreis für Literatur, revolutionierte das Verständnis von Mathematik und Logik und setzte sich zusammen mit Albert Einstein für den Pazifismus ein – kurz: ein scheinbar unglaublich produktiver Mensch. Doch trotz alledem sprach sich Russell vehement für die Bedeutung der Muße aus. Den Müssiggang (im heutigen Jargon das „Chillen“ oder Faulenzen) betrachtete er als etwas Gutes, ja sogar als etwas Notwendiges für eine gesunde Gesellschaft.

Nichtstun, Faulenzen – soll das etwas Gutes sein? Die gegenteilige Vorstellung, dass ein produktives Leben gleichbedeutend mit einem erfolgreichen Leben ist, hält sich bis heute hartnäckig. Wer erfolgreich sein will, muss ständig arbeiten: früh aufstehen, Sport treiben, den ganzen Tag produktiv sein und sich am Abend idealerweise noch weiterbilden, um nur ja nicht stehenzubleiben. Besonders in der Business-Welt begegnet man häufig Menschen, die diesem voll ausgelasteten Lebensstil folgen. Alles ist „high-paced“, kundenorientiert – jede Minute soll effizient genutzt werden. Arbeit gilt in der westlichen Welt als Tugend, während das Faulenzen als Laster betrachtet wird. Wir blicken zu den Fleißigsten auf und herab auf die vermeintlich Faulen, die angeblich nichts im Leben erreicht haben.

Eine kurze Geschichte der Arbeit:

Doch woher stammt überhaupt die Vorstellung, dass Produktivität und Arbeit etwas Gutes sind, während das Nichtstun als schlecht gilt? Unser Verständnis von Arbeit hat sich im Laufe der Geschichte grundlegend gewandelt. Von den Anfängen der Zivilisation bis zur Industriellen Revolution – also über mehrere Jahrtausende – bestand Arbeit vor allem aus handwerklicher Tätigkeit. Ein Mann konnte mit seiner Arbeit kaum mehr als den eigenen Lebensunterhalt und den seiner Familie bestreiten. Das Wenige, das über die bloße Notdurft hinausging, blieb meist nicht bei demjenigen, der es erarbeitet hatte – es wurde von Priestern, Monarchen oder Soldaten eingezogen.

Die Vorstellung, dass Arbeit etwas Gutes sei, hat ihre Ursprünge im Christentum. Der Reformator Calvin lehrte, dass Arbeit ein Dienst an Gott sei. Erfolg bei der Arbeit wurde als göttliche Gnade interpretiert, der Beruf als Berufung angesehen und Muße als Verschwendung der Lebenszeit, da sie keinen Dienst an Gott erweise. Nach Max Weber war diese Arbeitsmoral ein entscheidender Faktor, warum die Industrielle Revolution in Europa stattfand und nicht etwa in China, das damals eine der technologisch fortgeschrittensten Zivilisationen der Welt war.1 Trotz dieser religiös geprägten Vorstellung von Arbeit sammelten die gottesgesandte Herrscher und Priester weiterhin fleißig das überschüssige Geld ein. Im Zusammenhang mit der Industriellen Revolution wuchs die Bedeutung der Arbeit, sodass sich viele Menschen heute über ihre berufliche Tätigkeit definieren. Was und wo man arbeitet – und womit man den ganzen Tag beschäftigt ist – ist heute entscheidender Bestandteil der eigenen Identität. Dieses System der Arbeit und der sozialen Hierarchien existierte in Russland bis 1917 und in den USA bis zur Revolution. Mit der Französischen Revolution von 1789 begann sich in Europa allmählich die Monarchie zu verabschieden. Doch das überschüssige Kapital fließt noch immer nicht in die Taschen der Arbeiter. Stattdessen entstanden durch die Industrielle Revolution völlig neue gesellschaftliche Klassen, die vorher unvorstellbar waren.

Die Fortschritte, die wir seit der Industriellen Revolution erzielt haben, sind zweifellos beeindruckend. Noch nie in der Geschichte wuchs der Wohlstand so rasant. 1815 kämpfte Napoleon in Waterloo mit ähnlichen Mitteln wie Caesar beinahe 2000 Jahre zuvor: zu Fuß und mit Pferden, Mann gegen Mann. 100 Jahre später, im Ersten Weltkrieg, kamen Panzer, chemische Waffen und Flugzeuge zum Einsatz. 50 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg landete der erste Mensch auf dem Mond. In diesem Zeitraum wurden gleichzeitig Millionen von Menschen in Ländern wie China aus der Armut befreit. Während vor der Industriellen Revolution enorme Anstrengungen notwendig waren, um das Existenzminimum zu sichern, hat die moderne Technik den Arbeitsaufwand zur Bestreitung des Lebensunterhalts erheblich gesenkt.

Und diese Entwicklung ging weiter: Die technischen Fortschritte und Effizienzsteigerungen gingen so weit, dass der bekannte Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes 1930 schrieb, dass in 100 Jahren voraussichtlich nur noch 15 Stunden pro Woche gearbeitet werden müsste.2 Dasselbe schrieb auch Bertrand Russell 1939: Schon damals war er der Meinung, dass niemand mehr als 4 Stunden arbeiten müsste, um gut zurechtzukommen und seinen Lebensunterhalt zu sichern. Während Muße und Freizeit früher ein Privileg der Adligen waren, gab es seiner Ansicht nach keinen Grund mehr, dieses Privileg den unteren Klassen vorzuenthalten. Vielmehr könnte es mit Recht gleichmäßig auf alle Bürger der Gesellschaft verteilt werden.3

Und nun – 100 Jahre später – sind wir hier. Hätten Russell und Keynes in ihren optimistischsten Prophezeiungen erwartet, welch Fortschritt wir noch vollbringen würden? Hätten sie ahnen können, dass es eines Tages Maschinen geben würde, die den Haushalt automatisch putzen? Dass man nicht mehr in Bibliotheken stundenlang Bücher durchstöbern muss, um nötiges Wissen zu erlangen? Dass man nicht mehr Stunden aufwenden muss, um Briefe zu schreiben und sie um die Welt zu verschicken? Nein, nicht in ihren kühnsten Träumen hätten sie sich das erdacht. Und trotz dieser extremen Effizienzsteigerungen arbeiten wir noch immer genauso viel wie vor 100 Jahren. Noch immer haben wir ein positives Bild von Arbeit: Fleiß, Durchsetzungsvermögen, gewinnorientiertes und zukunftsorientiertes Denken, Disziplin – das sind nach wie vor die Tugenden unserer Gesellschaft. Doch diese Moral der Arbeit – der positive Blick, den wir auch heute noch auf Arbeit haben – ist eine Sklavenmoral. Und in der heutigen Welt jedoch braucht es keine Sklaverei mehr.

Die Frage stellt sich, wo wir falsch abgebogen sind. Wie kommt es, dass wir solch unglaublichen Fortschritt gemacht haben, aber in unserem Verständnis von Arbeit und unserer Lebensqualität stehen geblieben sind?

Wohin mit dem ganzen Fortschritt?

Dazu muss man sich im Klaren sein, was wir heute unter Fortschritt verstehen und wie unser System damit umgeht. Man stelle sich eine Fabrik vor, die vor 80 Jahren mit 100 Mitarbeitenden so viele Nadeln herstellt, wie die gesamte Welt braucht. Nun erfindet jemand ein Verfahren, das die Nadelproduktion doppelt so schnell macht. Die Welt kann aber nicht doppelt so viele Nadeln gebrauchen, und die Nadeln sind bereits so billig, dass sie auch zu einem geringeren Preis kaum noch gekauft werden würden. Was passiert also mit den Mitarbeitenden der Nadelfabrik? Jeder vernünftige Mensch, der sich mit der Nadelfabrik beschäftigt, müsste sagen, dass fortan nur noch 4 Stunden (die Hälfte) gearbeitet wird! Schließlich werden nicht mehr Nadeln gebraucht, weshalb die Mitarbeitenden auch nicht weiter so viel arbeiten müssen. Lang lebe der Fortschritt! Lang lebe die Musse!

Doch was passiert in einem solchen Fall in unserer Gesellschaft realistischerweise? Die Nadelproduktion wird erhöht, die Preise noch weiter gesenkt, es wird weiterhin 8 Stunden gearbeitet, und es werden zu viele Nadeln produziert, sodass einige Unternehmen bankrottgehen und die Hälfte der Arbeiter ihren Job verlieren. Ein Alien, der sich diese Geschehnisse aus der Außenperspektive betrachtet, würde sich am Kopf kratzen. Da hat der Mensch die Ketten der Sklaverei kurz abgelegt, nur um sie alsbald wieder freiwillig anzuziehen. Und das alles im Namen des „Fortschritts“. Das Paradies steht uns vor den Füßen, doch wir weigern uns, hindurchzugehen. Der wahre Profiteur ist schließlich der Eigentümer der Fabrik – er ist der Einzige, der durch die Effizienzsteigerung Musse (und Geld) verdient.

Im Hinblick auf die bevorstehende KI-Revolution, die vielleicht die größte Veränderung seit der industriellen Revolution bringen wird, ist es wichtig, sich diese Prozesse wieder vor Augen zu führen. Natürlich kann man sich die weit bekannte kritische Frage stellen, wer denn überhaupt von dem „Fortschritt“ profitiert. Und man wird schnell darauf kommen, dass es nur wenige sind, die sich einen absurden Reichtum anhäufen werden, während andere eher stehen bleiben. Der globale Anstieg von Ungleichheit ist durchaus beunruhigend. Doch vielmehr sollten wir uns heute die Frage stellen, was wir überhaupt als Fortschritt ansehen. Wie lange wollen wir denn noch so viel arbeiten? Wie viel technologische Entwicklung brauchen wir noch, bis wir sagen können: „Das reicht, ich bin zufrieden“? Ja, Genügsamkeit scheint nicht in der Natur des Menschen zu liegen, doch wenn wir nie an den Punkt kommen, an dem wir sagen: „Wir haben genug“, dann wird der Mensch immer im Hamsterrad gefangen sein und auch in 100 Jahren noch den ganzen Tag arbeiten.

Russell und Keynes hatten nicht Unrecht, als sie behaupteten, dass wir in 100 Jahren nur noch halb so viel arbeiten müssten. Die technischen Voraussetzungen dafür sind ohne Frage längst gegeben. Was sie jedoch nicht auf dem Schirm hatten, war der unstillbare Durst des Menschen nach Konsum. Vor der Entscheidung, mehr Zeit oder mehr Spielzeuge zu haben, haben wir uns kollektiv für Letzteres entschieden.

Während vor 100 Jahren die meisten Jobs direkt mit der Produktion und der Distribution eines Produkts zu tun hatten, haben wir seitdem eine Unmenge an Jobs geschaffen, die nur noch indirekt mit dem Produkt zu tun haben: „Manager“ in verschiedenen Bereichen wie Sales, Consulting und Marketing. Man wird beschäftigt als professioneller PowerPoint-Ersteller um in den „Beratungen“ noch genauer zu „beraten“. Ganz neue Industrien kamen auf wie Corporate Law, Human Resources und Public Relations. Dazu kamen unzählige administrative Jobs und ganze Nebenindustrien (Hundewäscher, Pizzalieferungen rund um die Uhr), die nur existieren, weil alle anderen so viel Zeit mit der Arbeit verbringen und ihnen die Zeit fehlt, diese banalen Dinge selbst zu erledigen. Es scheint fast so, als ob es hier jemanden gibt, der sinnlose Jobs erfindet, einfach um uns weiterhin arbeiten zu lassen. David Graeber prägte hierfür bekannterweise den Begriff „Bullshit Jobs“.4

Natürlich lässt sich streiten, ob all diese Jobs tatsächlich sinnlos sind oder nicht. Die Realität jedoch ist, dass immer mehr Menschen ihren Job subjektiv als sinnlos empfinden. Schon wenn man nach dieser subjektiven Meinung geht, sind beinahe 20% der Menschen der Ansicht, dass ihr Job nichts Positives zur Welt beiträgt.5 Und doch arbeiten wir weiter.

Die schöne neue (faule) Welt:

Eine Revolution des Denkens über Arbeit scheint wohl noch in weiter Ferne zu liegen. Die Gründe dafür erscheinen auf der Hand. Wir möchten uns in eine utopische Gedankenwelt versetzen und vorstellen, dass die Schweiz den 4-Stunden-Tag einführt – bei gleichem Lohn wie zuvor, da die KI viele menschliche Jobs ersetzt hat (wie die Maschine im Nadelbeispiel). Was würde das also bedeuten?

Zum einen gäbe es – unter der Voraussetzung vernünftiger Organisation – keine Arbeitslosigkeit mehr. Und natürlich muss Freizeit erlernt werden: Wer Zeit seines Lebens täglich lange gearbeitet hat, wird sich langweilen, wenn er plötzlich untätig sein muss. Aber ohne beträchtlich viel Musse bleiben dem Menschen die schönsten Dinge im Leben vorenthalten. Von nun an könnten sich Menschen ohne Bedenken um ihre Eltern kümmern, ihren Hobbys nachgehen und sich selbst verwirklichen. Noch mehr: Russell schreibt sogar – zugegebenermassen etwas unrealistisch – dass so viel Musse den Krieg verhindern könnte. Denn wenn der Mensch erst einmal den Geschmack der Freizeit gekostet hat, wird er sich mehr als zweimal überlegen, in den Krieg zu ziehen – denn Krieg bedeutet mehr Arbeit.

Ein schönes Leben also, durchaus. Doch auf was müsste man verzichten? Verzichtet werden muss auf den rasanten materiellen Fortschritt. Man wird nichtmehr jedes Jahr ein neues iPhone kaufen können und nicht mehr ständig in neuen Kleider rumlaufen können. Gleichzeitig würde wohl dafür der Fussabdruck eines jeden Menschen innert kürzester Zeit hinabgesetzt werden. Vor dem Hintergrund, dass ein grosser Teil des Überschusses nichtmehr in den materiellen Fortschritt eingesetzt wird, wird die Innovation ihr Tempo drosseln müssen. So wie 9/10 Startups scheitern, verbrennt Innovation Geld wie in einem Ofen, und wenn die Kohle allmählich weniger wird, muss sparsamer damit umgegangen werden, damit ein kleineres Feuer länger am leben bleibt. Die Innovation würde nicht komplett zurückfahren, aber sie würde ihr Tempo verlangsamen, so, wie sie sich vor der industriellen Revolution um tausende Jahre verhielt.

Das ewige Dilemma:

Ende des Gedankenexperiment. Natürlich wurde hier in Extremen gedacht. Und wir wollen auch fair sein: Durch Produktivitätssteigerung profitiert nicht nur der Arbeitgeber und Eigentümer der Fabrik. Der Wohlstand der gesamten Gesellschaft steigt und der Konsument kann zu günstigeren Preisen einkaufen. Und wir leben in einem wachstumsbasiertem System. Auch vor dem Hintergrund der steigenden Weltbevölkerung müssen wir wachsen. Doch müssen wir es auch in diesem Tempo? Der Revolution der Arbeitsmoral stellen sich zwei grundlegende Probleme in den Weg.

Das erste sind praktische Probleme. Wenn nur die Schweiz den 4-Stunden-Tag einführt, würde sie in wenigen Jahren (oder Jahrzehnten) materialistisch gesehen komplett überholt werden. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn sich die Schweiz isolieren könnte, aber das ist unrealistisch. Andere Länder würden reicher und mächtiger werden, und schon würde die Schweiz von ihnen abhängig. Zudem scheint die Umsetzung eines 4-Stunden-Tages in vielen Industrien durchaus möglich, jedoch ist sie in Bereichen wie Pflege oder Handwerk eher fraglich. Es sei jedoch angemerkt, dass auch in diesen Bereichen weiterhin technologische Fortschritte gemacht werden und grundsätzlich nichts dagegen spricht, Menschen von überlasteten Wirtschaftsbereichen in andere Sektoren umzuschulen. Die zweite Art von Problemen ist nach David Graeber politischer und moralischer Natur. So schreibt er, dass die herrschenden Klassen glückliche Menschen mit viel Freizeit als moralische Gefahr ansehen. Der Umstand, dass Arbeit an sich einen moralischen Wert hat und Menschen zu beschäftigt sind, um sich vernünftig mit Politik auseinanderzusetzen, kommt den Eliten letztlich gut gelegen.

Die vernünftige Lösung des Dilemmas wäre, das Tempo zumindest ein wenig zu drosseln. Das würde bedeuten, dass das Volk vor jeder Entwicklungsstufe abzustimmen hätte, ob es mehr Freizeit (und weniger Arbeitsstunden) oder mehr materielle Verbrauchsgüter wünscht. So würde der 4-Stunden-Tag nicht direkt umgesetzt, aber zumindest wäre die 4-Tage-Woche eines Tages realistisch und greifbar. Es wäre ein erster Schritt in die längst möglich gewordene und überfällige Freiheit, mehr Zeit für die wichtigen Dingen im Leben aufzuwenden – und mehr zu faulenzen.

Fussnoten:

  1. Weber, Max (1904): Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. ↩︎
  2. Keynes, John Maynard (1930): Economic Possibilities for our Grandchildren. ↩︎
  3. Russell, Bertrand (1939): Lob des Müssiggangs ↩︎
  4. Graber, David (2013): On the Phenomenon of Bullshit Jobs: A Work Rant, URL: https://www.strikemag.org/bullshit-jobs/ ↩︎
  5. Waldo, Simon (2023): ‘Bullshit’ After All? Why People Consider Their Jobs Socially Useless, URL: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/09500170231175771 ↩︎