Abstract:
Talebs These ist eigentlich simpel: Der Mensch unterschätzt fundamental den Aspekt des Zufalls im Leben, ja, er funktioniert biologisch gar so, dass er den Zufall kaum wahrnehmen kann. Taleb selbst versucht sich diesen Grundsatz zu nutzen machen – indem er an der Börse wiederholt auf sogenannte „seltene Ereignisse“ wettet (wie genau er das macht, erklärt er aber nie). Aus seiner Zufallshypothese ergeben sich verschiedene, interessante Feststellungen: Wir tendieren dazu, unsere Misserfolge dem Schicksal (Zufall) zuzuschreiben, den Erfolg aber niemals dem Zufall. Taleb zeigt wiederholt anhand von eigenen Anekdoten auf, wie sich erfolgreiche Börsenmakler an ihren Strategien rühmen, bis sie selber wie aus heiterem Himmel auf einen schwarzen Schwan (ein seltenes Ereignis) treffen, und all ihr Vermögen verlieren. Allgemein sieht Taleb die Wirtschaftwissenschaften grösstenteils als Pseudowissenschaft und ist den meisten Börsenmakler gegenüber skeptisch eingestellt.
Taleb zeigt, dass der Mensch das Prinzip der „Wahrscheinlichkeit“ intuitiv nur auf die Zukunft anwenden kann, und nicht auf die Vergangenheit. So nehmen wir an, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, wie sich die Zukunft entwickeln könnte, jede mit anderer Wahrscheinlichkeit. Doch wenn wir in die Vergangenheit zurückblicken, sehen wir nur Erklärungen einer deterministischen Welt: Alles hatte so kommen müssen. Taleb zeigt auf, dass das menschliche Gehirn so funktioniert, dass wir automatisch immer nach kausalen Zusammenhängen suchen, selbst dort, wo es keine gibt. Gepaart mit dem Ego des Menschen führt genau dieser Umstand dazu, dass wir Erfolge lieber eigenen Strategien als dem Zufall zuschreiben.
Schliesslich zeigt Taleb auch, wir irrational der Mensch tatsächlich ist, und macht sich wiederum über die Wirtschaftswissenschaftler lustig, die oft von dem rationalen Menschen ausgehen. Dass der Mensch vor allem durch seine Emotionen – und nicht der Vernunft – geleitet ist, sollte mittlerweile jedem klar sein. Allen voran hat das Dosotojewski in seinen Romanen am überzeugendsten gezeigt. Weiter äussert sich Taleb als Anhänger George Soros‘, der wiederum ein Anhänger Karl Poppers ist. Demnach zeigt er nach Popper auf, was Wissenschaft ist, bzw. was wir wissen können: Wenn man eine Hypothese aufstellt, bringt es nichts, wenn man diese durch empirische Beobachtungen versucht zu bestätigen, man muss im Gegenteil aufzeigen, dass sie falsifizierbar ist. Für die Hypothese „alle Schwäne sind weiss“ können Millionen von weissen Schwäne beobachtet werden. Ein Beweis für die Hypothese ist das noch nicht, denn ein einziger schwarzer Schwan widerlegt die Hypothese.
Kognitive Verzerrungen
Taleb beschreibt in diesem Zusammenhang verschiedene solche kognitiver Verzehrungen, von denen ich einige auflilsten möchte:
Hindsight Bias (Rückschaufehler)
Beim Eintreten eines Ereignisses haben wir die Tendenz zu sagen „Ich wusste es die ganze Zeit“ – in Wahrheit jedoch hatten wir es nie vorausahnen können, sondern glauben dies nur, aufgrund von Informationen, die wir zu einem späteren Zeitpunkt erhalten.
Korrelation-Kausalität Bias
Der wohl häufigste Bias des Menschen. Wenn man sich im Alltag achtet, kann man leicht beobachten, wie oft sich Menschen dieser Verzerrung bedienen. Taleb zeigt, dass selbst renommierte Wissenschaftler und „erfolgreiche“ Börsenmakler nicht immun dagegen sind. Kurz und einfach gesagt, verwechseln wir oft Korrelationen für Kausalität. Beispielsweise wenn ich sage Hitler und Stalin waren beides Atheisten – so folgern viele daraus, dass Atheismus zu mehr Menschenopfer führt. Doch wenn ich sage Hitler und Stalin hatten beide Schnurrbärte, dann ist sofort klar, dass ein Schnurrbart nichts mit den Millionen Toden zu tun hat.
Survivor Bias
Der Survivor Bias zeigt im Allgemeinen, dass wir dazu neigen, nur die Gewinner zu sehen bzw. zu beobachten, und dabei vergessen, wie viele Verlierer es gibt. Wir sehen „erfolgreiche“ Start-Up Gründer oder Fussballer und denken, die haben alles richtig gemacht, und möchten in ihre Fussabdrücke treten (?): Wir haben eine Verzerrung der realen Gewinnchancen; wir vergessen, dass 99% es nicht geschafft haben. Eigentlich sollte kein Start-Up Gründer und kein Fussballer empfehlen, dieselbe Karriere einzuschlagen. Kurz also: Die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg wird mit dem Survivor Bias masslos überschätzt.
Was ist der „Zufall“ und wie damit umgehen?
Was Taleb das ganze Buch über schuldig bleibt, ist eine Definition des „Zufalls“. Was ist also der Zufall? Das heisst, was bezeichnen wir als Zufall? Wenn ich heute auf der Strasse einen alten Schulkameraden sehe, denn ich seit 10 Jahren nicht mehr gesehen habe, dann würde ich wohl sagen: „Was für ein Zufall!“. Es scheint wie aus heiterem Himmel, dass ich ihn da treffe. Doch in einer weitaus deterministischen Welt, gibt es grundsätzlich keine Zufälle. Was wir als „Zufall“ bezeichnen ist nur das, über das wir vorher keine Informationen hatten, d.h. was wir nicht wussten. Wenn ich vielleicht auf Instagram gesehen hätte, dass der Kamerad heute in Zürich an dem und dem Ort ist, und ich genau gewusst hätte wann und wo er Mittagessen geht, dann hätte ich unser Treffen schon nicht mehr als so zufällig angesehen. Der Mensch ist kein allwissendes Wesen und kann demnach niemals die Zukunft vorhersagen; aus diesem Grund bezeichnen wir genau diejenigen Dinge, für die wir am wenigsten Wissen und Vorhersagen hatten, als Zufall.
Ein interessanter Aspekt ergibt sich auch über die Verbindung zwischen Zufall und Erfolg. Taleb nennt unzählige Beispiele von reichen, „erfolgreichen“ Menschen, die durch einen grossen Anteil des Zufalls reich wurden. Wir alle könnten unser eigenes Leben analysieren und müssten uns daselbe eingestehen: Ich habe bisher noch keine grosse Erfolge vorzuweisen aber nehmen wir mal meinen Bachelorabschluss: Wie viel davon ist wirklich meine eigene Leistung, und wie viel wurde durch Faktoren bestimmt, über die ich gar keinen Einfluss hatte? Die wichtigsten Faktoren für einen Bachelorabschluss sind wohl Intelligenz, Angebot und Unterstützung. Intelligenz ist weitgehend angeboren (d.h. ich kann nichts dafür). Das Angebot ist in der Schweiz vorhanden (das ich in der Schweiz geboren wurde – Zufall). Und dass ich so gut von meinen Eltern unterstützt wurde – auch darüber hatte ich keine Kontrolle (Ich habe mir meine Eltern nicht ausgesucht). Natürlich kann man sich darüber rühmen, wie viel Zeit man fürs Lernen angewandt hat und wie stressig das Ganze war – doch dabei vergisst man schnell, dass das nur ein Bruchteil der Faktoren des eigentlichen Erfolg ist.
Der Zufallserfolg-Bias?
Und genau so ist das auch bei erfolgreichen Menschen: Bill Gates, Steve Jobs oder Elon Musk werden in unserer Gesellschaft als visionäre Unternehmer für ihren Erfolg verehrt. Dabei vergisst man, dass sie auch extrem viel Glück hatten – ja in vielerlei Hinsicht waren sie wahrscheinlich die glücklichsten Menschen. Sie alle waren durch „Zufall“ in einem Land geboren, dass ihnen überhaupt Möglichkeiten bot. Sie sind weiss, stammen von guten Eltern, genossen eine gute Bildung und schliesslich – fanden mit ihrer Idee zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort Anklang. Alles das sind Dinge, die sie nicht kontrollieren konnten. Gleichzeitig wird auch oft vergessen, dass ihnen etliche, hunderttausende Menschen dabei behilflich waren, die riesige Firma aufzubauen. Dass wir solchen Menschen einen solchen riesigen Erfolg beimessen liegt zum einen an unserem System, dass sie so übermässig belohnt, und zum anderem auch an der Intuition, nach dem wir dem Handlungsspielraum des Menschen zu viel Freiraum beimessen und vergessen, dass die wichtigsten Faktoren oft nicht beeinflusst werden können. Man könnte das wohl den Zufallserfolg-Bias nennen.
Rezension
Grundsätzlich ein sehr interessantes Buch, wenn man es zu Stande bringt, sich von dem arroganten Schreibstils Talebs nicht gekränkt zu fühlen. Schliesslich macht sich Taleb nicht nur über Durchschnittsmenschen lustig, sondern vor allem auch über „erfolgreiche“ und reiche Menschen; selbst rühmt er sich, indem er sagt, dass er als Mensch zwar nicht immun ist gegen die Zufallsverzerrung, er sich aber dessen im Gegensatz zu den meisten anderen bewusst ist (so reiht er sich ja schon fast in eine Reihe mit Sokrates). Obwohl durchaus interessante Annektoden und Studien beleuchtet werden, werden diese meist ziemlich zusammenhanglos präsentiert und man wird das Gefühl nicht los, dass sich Taleb einfach selbst als Mann mit einem immensen Wissen präsentieren will. Seine Hauptthese über den Zufall hätte schliesslich auch in 50 Seiten erklärt werden können. Dabei bleibt er es auch schuldig überhaupt den „Zufall“ zu definieren und grösstenteils auch seinen Umgang damit – mit dem er sich beinahe im ganzen Buch rühmt (wohl erklärt er diesen aber in einem anderen Buch).
Zitate:
„Der gesunde Menschenverstand ist nichts anderes als eine Sammlung irriger Annahmen, zu denen man im Alter von 18 Jahren gelangt ist.“ (Einstein)
„Als seltenes Ereignis bezeichne ich jede Fehleinschätzung von Risiken, die sich aus einer engen Auslegung von Zeitreihen aus der Vergangenheit ergeben.“
„Das schöne am Kapitalismus ist die Tatsache, dass die Gesellschaft sich statt der Wohltätigkeit die Habgier der Menschen zunutze macht.“
„Vergessen Sie nicht, dass niemand die Zufälligkeit seines eigenen Erfolges akzeptiert. Nur Misserfolge sind auf reines Pech zurückzuführen.“ (S. 207)
„Forscher haben festgestellt, dass rein rationales Verhalten bei Menshen auf eine Fehlfunktion des Corpus amygdalideum zurückzuführen sein kann, die emotionale Bindungen hemmt, was den Probanden buchstäblich zu einem Psychopathen macht“
„Wir neigen zu dem Glauben, dass Händler erfolgreich waren, weil sie gut sind. Dabei stellen wir möglicherweise die Kausalbeziehung auf den Kopf; wir halten sie für gut, nur weil sie Geld verdienen. An der Börse kann man aus puren Zufall Gewinne erzielen.“
„Je grösser die Zahl der Wirtschaftsakteure, desto wahrscheinlicher ist es, dass einer von ihnen aus purem Zufall fantastische Leistungen erbringt.“

