Über Unsicherheit

„Jeder Mensch ist unsicher. Es gibt nur jene, die ihre Unsicherheit besser verbergen können als andere.“

Ich glaube tatsächlich, dass der Mensch von Natur aus ein fragiles Ego hat, dass sich in seiner Unsicherheit äussert. Es gibt viele verschiedene Weisen, wie Menschen mit ihrer Unsicherheit umgehen – und oft äussert sich hinter einem bestimmten Verhalten eine grosse Unsicherheit. In dieser Reflexion möchte ich dem menschlichen Ego auf den Grund gehen: 1) Was ist das „Ego“? 2) Woher stammt die Unsicherheit des Menschen? 3) Welche verschiedene Arten gibt es, damit umzugehen?

1) Was ist das „Ego“?

„Ego“ kommt vom lateinischen für „Ich“. Es ist wohl schwer darüber nachzudenken, was das „Ich“ ist, aber kurz gesagt kann man darunter die Wahrnehmung der eigenen Person verstehen (*ist das eine Tautologie?). Dabei verstehen wir unter „Ego“ nicht genau dasselbe. Ego meint meist viel eher der verletzliche Teil des Menschen, derjenige Teil der eigenen Person, bei dem man sich schnell angegriffen fühlt. Wenn man jemanden ein „Ego“ zuschreibt, dann meint, dass er sich für etwas besseres oder wichtigeres hält als andere. Diese Auffassung ist eng verbunden mit der natürlichen Unsicherheit des Menschen: Wer sich selbst nicht für genug hält, wird andere herunterdrücken, damit er darüber steht und dafür Anerkennung erhält.

2) Woher stammt die Unsicherheit und das Ego?

Wohl stammt das Ego aus dem Selbsterhaltungswillen jedes einzelnen Menschen. Der Selbsterhaltungswille ist evolutionär gesehen zusammen mit dem Drang zur Fortpflanzung das stärkste aller Gefühle. Wir leben heute aber in einer so sicheren Gesellschaft, dass dieser Wille beinahe nie direkt auftritt (nur wer Nahtoderfahrungen hatte wird darüber Bescheid wissen). So oder so wurden wir von der Evolution so veranlagt, dass wir in erster Linie unser eigenes Leben schützen wollen. Und genau daher stammt unser Ego: Wenn es „hart auf hart“ kommt, dann sind wir uns selbst eben am wichtigsten.

Wir haben also eine natürliche Veranlagung für ein Ego. Doch insofern wir heute nie mehr in lebensgefährliche Situationen kommen stellt sich die Frage, wieso doch so viele Menschen noch ein Ego haben. Die Antwort: Unsere extrem individualistisch-geprägte Gesellschaft fördert unser natürliches Ego. Es ist wie bei einer Pflanze: Wenn man die Pflanze giesst, dann wird aus dem Samen eine Pflanze (wie in unserer Gesellschaft). Wenn man dem Samen aber nicht Wasser gibt, dann wird er sich auch nicht entfalten können (wie in anderen, indigenen Völkern gezeigt wurde, die so etwas wie „Ego“ nicht kennen, sondern stets im Gemeinschaftssinn denken.)

Der Ursprung des Ego scheint also geklärt. Doch was hat es mit der Unsicherheit auf sich? Woher stammt diese?

Ich denke wir werden mit einer Unsicherheit geboren. Der Mensch hat dank seines Verstands die Möglichkeit, extrem viele Dinge zu verstehen und auch zu hinterfragen. Doch die schiere Menge an Dingen, die es zu verstehen gilt, machen es unmöglich, alle Informationen aufzunehmen. Was passiert also? Jeder Mensch nimmt einige Informationen auf – biegt sie irgendwie zurecht – und bastelt sich daraus sein eigenes Weltbild. Das Gehirn zwingt des Menschen zwingt ihn, Dinge zu verstehen, es will eine Erklärung für alles. Doch eigentlich weiss jeder – deep down – dass er nicht genügend weiss, nicht genügend Informationen verarbeitet hat. Aus dieser Diskrepanz entspringt die Unsicherheit des Menschen. Wir tuen alle so, als ob wir wüssten was wir tun, und als ob wir die Welt verstehen, doch wenn wir einmal wirklich herausgefordert werden, dann zeigt sich: Wir haben eigentlich alle keine Ahnung was wir tun und wofür wir leben. Dazu kommt ein weiterer evolutionärer Vorteil der Unsicherheit: Der unsichere Mensch ist vorsichtiger als der blind-selbstbewusste Mensch.

Eine solche Unsicherheit lässt sich nur auf eine Weise überwinden: Selbstreflexion (vgl. über Selbstreflexion und auch über Selbstvertrauen). Doch Selbstreflexion erfordert Mut und Zeit – sie ist extrem anstrengend, schliesslich muss man auch sein eigenes Ego konfrontieren. Schon Kant sagte schliesslich, dass Feigheit und Faulheit der Grund seien, weshalb die meisten Menschen lebenslang unmündig bleiben. Insofern also fast niemand so selbstreflektiert ist, ist auch fast jeder Mensch unsicher. Die einzigen Ausnahmen, die ich kenne, sind wohl Mönche wie Thich Na Than oder der Dalai Lama, die nichts anderen tun als den ganzen Tag nur zu reflektieren.

3) Umgehen mit Unsicherheit: Verschiedene Weisen

Insofern also (fast) jeder Mensch eine gewisse Unsicherheit mit sich mit bringt, stellt sich die Frage, wie verschiedene Menschen damit umgehen. Schliesslich ist es meine These, dass diese „Kaschierung“ der Unsicherheit ein grundlegender Treiber für menschliches Handeln ist.

Coping-StrategieZiel
SelbstinszenierungAnerkennung
EscapismAblenkung, Verdrängung
SpiritualitätZugehörigkeit, Anerkennung, Ablenkung
IdeologieZugehörigkeit, Anerkennung, Ablenkung
(oberflächliche) SelbstreflexionAnerkennung

Selbstinszenierung:

Die unsichersten Menschen sind oft jene, die am selbstbewusstesten wirken. Das hat damit zu tun, dass man Selbstbewusstsein haben kann, das aber nicht bedeutet, dass man selbstbewusst ist (wie in Fromms Unterscheidung zwischen haben oder sein). So gibt es viele Personen, die auf den ersten Blick selbstbewusst wirken, doch der Schein trügt: Hinter ihrer selbstsicheren Fassade versteckt sich ein unsicheres Ego. Menschen wie diese reden viel von sich selbst, sie stellen gekonnt in Szene und in den Mittelpunkt. Indem sie von sich selbst erzählen und sich auf den Thron stellen, gelingt es ihnen, andere Menschen zu täuschen. Viele um sie herum werden ihre Handlungen und Entscheidungen nicht hinterfragen – man nimmt automatisch an, dass sie wissen was sie tun, weil sie eben selbstbewusst wirken. Wenn sich dieses Verhalten ins grenzenlose steigert, dann spricht man von Narzissmus. Narzissten sind gekonnte Manipulatoren, sie haben die Fähigkeit, selbstbewussten zu wirken perfektioniert. Sie haben ein so unsicheres und zerbrechliches Ego, dass sie es gar nicht zulassen, dass jemand sie kritisiert. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Jedermann bereits eine narzisstische Person kennengelernt hat. Narzissten sind gut geeignet in Positionen von Ansehen und Autorität, da sie diese Eigenschaften suchen. Berühmte Narzissten sind Menschen wie Donald Trump oder Kanye West. Menschen die sich gekonnt selbst inszenieren, suchen nach Anerkennung. Ich würde behaupten, dass viele Menschen, die nach einer Karriere oder klassischem „Erfolg“ suchen, ihre Unsicherheit auf diese Weise versuchen zu kaschieren.

Escapism:

Ein weiterer Weg, seine eigene Unsicherheit zu umgehen ist sogenannter „Escapism“. Escapism bezeichnet einen „Ausweg“ aus der realen Welt. (Unsicheren) Menschen gelingt es so, sich mit einer „fiktiven“ Welt zu beschäftigten, und damit sich nicht mit sich selber, ihrer Unsicherheit und ihren Problemen, zu konfrontieren. Die fiktive Welt kann dabei viele verschiedene Formen annehmen. Gaming ist eine fiktive Welt. Aber auch Sport kann ein Escapism sein: Wer obsessiv Sport macht, nutzt es als Ausweg, als Ablenkung. Gleiches gilt aber auch mit Lesen. Die destruktivsten Escapism-Wege sind wohl jene durch Drogen, Alkohol und Social Media. Auch der Konsumismus, das obsessive Kaufverhalten, dass sich heute bei vielen beobachten lässt, gehört dazu. Grundsätzlich kann wohl beinahe jedes Hobby zu Escapism genutzt werden, sofern es obsessiv praktiziert wird. Dabei gibt es aber wohl Unterschiede in der inhärenten Destruktivität der Hobbys: So ist ein Escapism in Sport oder Lesen sicherlich gesünder als jener ins Gaming oder Social Media. Beim Escapism geht es am Ende darum, dass man sich so sehr mit etwas beschäftigt, dass man gar keine Zeit mehr findet, mit sich selber zu sein, und zu reflektieren. Es ist also neben Ablenkung vor allem eine Art Verdrängung. Ich denke jeder Mensch kennt Freunde in seinem Umfeld, die sich dieser Coping-Strategie bedienen.

Spiritualität/ Religion:

Die Spiritualität – und dazu auch die Religion – war Jahrtausende lang die meist-verbreitete Weise, wie Menschen aus ihrer Unsicherheit flüchten. Der Grund dafür ist offensichtlich. Einfache Antworten auf komplizierte Fragen, alles wird erklärt, es bleibt keine Unsicherheit mehr übrig. Dazu kommt ein Gefühl der Zugehörigkeit und der Anerkennung – durch Gott oder aber auch durch die Gemeindschaft. Sodann wurde die Religion auch durch den Mensch erfunden genau aufgrund dieser natürlichen Angst und Unsicherheit des Menschen.

Reflexion:

Obwohl Selbstreflexion der einzige Weg zur Überwindung der natürlichen Unsicherheit ist, wage ich doch zu behaupten, dass zu einem bestimmten Grad eine oberflächliche Selbstreflexion ebenfalls eine „Coping-Strategie“ zur Kaschierung der natürlichen Unsicherheit sein kann. So kann man sich als „reflektiert“ geben, ohne es wirklich zu sein. Es gibt demnach Menschen, die ein wenig über sich und die Welt reflektieren – dies aber nur auf einem oberflächlichen Level tun – und dann damit – unbewusst – angeben. Sie wollen sich dann als bestimmt „intellektuell“ und „reflektiert“ darstellen und wollen sich dadurch wiederum „über“ Menschen stellen. Das unbewusste Ziel ist auch hier die soziale Anerkennung. Oft tendieren solche Menschen, ihre Entscheidungen und vor allem ihre Emotionen zu „rationalisieren“. Ich muss ehrlich sagen, dass ich wenige Menschen kennen, die diese Coping-Strategie verwenden (ausser wohl ich selber). Im öffentlichen Raum muss ich dabei aber vor allem an Youtuber oder sogenannte „Public Intellectuals“ denken: Charlie Kirk, Jordan Peterson oder Lex Fridman sollen hier genannt sein.

Fazit

Was schliesslich auffällt bei all diesen „Coping-Strategien“ ist, dass sie immer eine gewisse soziale Komponente als Ziel haben. Das hängt mit einem anderen fundamentalen Naturgesetz des Menschen zusammen: Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir streben von Natur aus nach Anerkennung und Zugehörigkeit – diese Dinge tun uns gut. Weiter muss auch gesagt sein, dass sich nicht jeder Mensch klar zu einem dieser Coping-Strategien zuordnen lässt. Vielmehr verwenden viele Menschen mehrere dieser Coping-Strategien, jeweils in unterschiedlichem Ausmass.